Wer A sagt, muss auch B sagen. So wollte es der Volksmund, bis Bertolt Brecht - der nachmals berühmte, aber schon früh als ungewaschen verschrieene Kasuist ("Am besten fickt man erst und badet dann") - den Gedanken der Autonomie ins Sprichwörterhandbuch brachte: "Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war." Leider nützt diese Erkenntnis oftmals nichts.

Wenn A grundfalsch war, kann alles Folgende, egal ob B oder C, ebenfalls falsch sein

außerdem muss B nicht richtig sein, wenn A richtig war. Um das zu erkennen, braucht man weder ins Krisengebiet zu reisen noch Adorno zu studieren, es reicht schon ein Theaterbesuch in Frankfurt am Main. Dort wollte das Theater am Turm Lenins Staat und Revolution aufführen, aber weil der Regisseur erkrankte, inszenierte Tom Kühnel stattdessen Brechts Jasager und Neinsager, übrigens fast ohne den ursprünglichen Text zu benutzen. Unter dem Titel Ein Seminar für Führungskräfte spielte man Situationen, in denen Menschen Machtausübung trainieren. Leider hatten Regie und Dramaturgie keine Idee, was aus diesem negativen Gesellschaftsbefund folgen könnte, deshalb blieb es bei einer geistreich zusammengefassten Genealogie der Verneinung (vom "Nein!" zum "Rufen Sie später noch mal an!"), und der Rest des endlosen Abends wirkte wie ein Lehrstück in dialektischer Ausweglosigkeit: Wer Lenin nicht will (Sag nein zur Diktatur des Proletariats), aber vielleicht ein bisschen Brecht (Sag ja zur Kapitalismuskritik), der kann schnell in Ratlosigkeit verfallen. Merke: Weder A noch B zu sagen, das ist Freiheit, also sehr riskant.