Nicht angezogen und nicht nackt, nicht gefahren und nicht gelaufen, nicht in dem Weg und nicht außer dem Weg: So sollte die kluge Bauerntochter im gleichnamigen Märchen zum König kommen. Also zog sich das Mädchen aus, da war sie nicht angezogen, wickelte sich in ein Fischgarn, so war sie nicht nackt.

Dann band sie das Fischgarn einem Esel an den Schwanz und ließ sich von ihm in den Fahrgleisen schleppen, nur ein Zeh hing auf die Erde. Sie kam wie gewünscht. Und hatte ein schwieriges Rätsel gelöst.

Wäre es so leicht, würde in Sachsen-Anhalt sicher einiges besser laufen. Ist es aber nicht. Und so schleppt sich das Land wie die Bauerntochter, nur weniger erfolgreich. Nicht in dem Weg und nicht außer dem Weg.

Die Sachsen-Anhalter sollen da bleiben, wo sie sind, in Genthin, Salzwedel, Zerbst, sie sollen zugleich mobil sein und der Arbeit hinterherziehen. Keine Tariflöhne fordern, dafür aber länger arbeiten. Von dem wenigen Geld sollen sie mehr kaufen, damit die Wirtschaft neue Waren herstellen kann, Arbeitsplätze schafft und der Kreislauf von neuem beginnt. All das tun sie längst. Das Ganze hat nur einen Haken: Es reicht nicht. Denn bezahlte Arbeit gibt es nur in homöopathischen Dosen. Das gilt für viele Gegenden im Osten, für Sachsen-Anhalt aber besonders. Ein Politiker, der den Leuten das offen sagt, dürfte es schwer haben, gewählt zu werden. Wer es nicht sagt, auch.

Der Sozialdemokrat Reinhard Höppner hat die Quadratur des Kreises nicht geschafft. Es genügte nicht, die Sprache der Leute zu sprechen. Das können andere auch. Die Geduld der Wähler war erschöpft. Wieder einmal. In solchen Momenten verweigern sie sich oder greifen zum nächsten Strohhalm und hängen ihre Hoffnung an ihn. Die Gefahr, dass er bricht, ist groß. Das werden auch der Sieger Wolfgang Böhmer und seine CDU schnell merken, sollte er nicht spürbar etwas ändern und vor allem - schnell. In kaum einem anderen Bundesland wenden sich enttäuschte Wähler so rasch von einer Partei ab wie in Sachsen-Anhalt. Das Land ist durch die Großindustrie geprägt, durch Leuna, Wolfen, Bitterfeld. Es hat von ihr gelebt und war mit ihr geschlagen. Ihr Untergang hat der Umwelt genutzt, es gab wieder Biber an der Elbe. Den Grünen indes haben die blühenden Landschaften nichts gebracht. Wer keine Arbeit hat, den kümmern saubere Flüsse wenig. Arbeit zu haben, daran hängt im Osten alles. Es geht nicht um Torte, sondern um Schwarzbrot. Wenn der Bundeskanzler von der sozialen Hängematte redet, macht das die Leute wütend. In Sachsen-Anhalt gilt Arbeitslosengeld als Krücke. Ohne Arbeit ist man nichts.

Als das ABM-Projekt, in dem ein paar Frauen Straßenbäume gepflanzt hatten, nicht verlängert wurde, gingen sie trotzdem jeden Morgen "auf Arbeit".

Erstens wären die Bäume vertrocknet, und zweitens konnten sie gar nicht anders. Zu Hause bleiben? Undenkbar. Auf Cornelia Pieper, deren Mann einen kleinen Laden hat, setzen viele. Die FDP bekam Vorschuss, mehr aber nicht.