Washington

Wenn die Vereinigten Staaten mal wieder beinhart an der Seite Israels stehen, muss das einen Grund haben. Eine beliebte Erklärung lautet, die machtvolle jüdische Lobby habe sich - wie immer - in Washington durchgesetzt. Gerade jetzt findet dieses Deutungsmuster neue Freunde, auch in Europa. Dabei ist in Wahrheit das Gegenteil bemerkenswert: wie wenig die Nachsicht mit Ariel Scharons Panzer-Politik dem Getrommel der sagenumwobenen jüdischen Lobby zuzuschreiben ist.

Schon wahr, es gibt sie, die Lobby. Sie ist munter und effektiv und bringt auch mal 100 000 Leute zu einer Demo zusammen. Aber sie ist kein monolithischer Block. Unter Amerikas Juden gibt es Freunde Ariel Scharons und Kritiker, die glauben, Scharon sei Israels Verderben. Die Moderaten sind in der Mehrheit. Nach einer aktuellen Umfrage unterstützen rund zwei Drittel aller amerikanischen Juden eine Vermittlung im Nahen Osten. Diese Gruppe, wiewohl solidarisch mit dem bedrängten Israel, kritisiert George Bush für sein shmoozing, seine Kumpanei mit Ariel Scharon. Ohnehin neigen nur 20 Prozent der Juden den Republikanern zu. Legendär ist der Fluch des ehemaligen Außenministers James Baker, eines Republikaners: "Fuck the jews. They don't vote for us anyway" - vornehm übersetzt: "Vergesst die Juden, die wählen uns eh nicht." Für George Bush ist demnach entscheidend, dass seine eigene Basis hinter ihm steht. Und deren Unterstützung wächst, je näher Bush an Scharon heranrobbt. Dieser eisern proisraelische Kurs ist neu, das Produkt einer Koalition traditioneller und aufstrebender Kräfte innerhalb der Partei.

Da gibt es einmal die religiöse Rechte. Ihrem Weltbild entspricht Bushs Mantra vom Kampf des Guten gegen das Böse. Sie glaubt, Israel sei das Gelobte Land, das Gott den Juden versprochen habe. Der Fernsehprediger Jerry Falwell sammelt sogar Geld, um die christlichen Heiligtümer - etwa die Geburtskirche - vor den Muslims zu bewahren. Diesen Schutz traut er allein einer judäochristlichen Allianz zu, also Israel und Amerika. Für ihre außenpolitische Mission haben die Christenmenschen in der Partei einen Partner gefunden, von dem sie innenpolitisch vieles trennt, die Neokonservativen nämlich. Die hegen zwar keine religiösen Gründe für ihre kompromisslose Unterstützung der israelischen Politik. Aber sie wollen mit Israel verteidigen, was sie einen Vorposten der Demokratie gegen 22 autoritäre arabische Regime, gegen Antiamerikanismus und gegen Antisemitismus nennen. Die Lösung des Nahostproblems sehen sie nicht in Verhandlungen (mit Terroristen), sondern in der Demokratisierung Arabiens, beginnend mit dem Irak.

So erlebt Bush eine mächtige innerparteiliche Opposition, seitdem er verlangt, Israel solle seine Truppen zurückziehen. Dieselbe Forderung hatte schon einmal ein republikanischer Präsident erhoben, Dwight Eisenhower nämlich, 1956 in der Sues-Krise. Damals galten die Republikaner als proarabisch, und folglich erhoben sich in der Partei auch keine Proteste gegen Eisenhowers Marschbefehl für Israels Truppen. In derselben republikanischen Tradition sah sich ein paar Jahrzehnte später George Bush der Ältere, der jüdischen Organisationen in den USA als israelkritischster Präsident aller Zeiten galt. Seinem Sohn hingegen schallte es vergangene Woche bei der Demonstration in Washington liebevoll vereinnahmend entgegen: "Kein größerer Freund Israels hat jemals im Weißen Haus gelebt."

Die "dramatisch veränderte republikanische Partei" (New York Times) schränkt nun George W. Bushs Handlungsspielraum dramatisch ein. Viele Zugeständnisse gegenüber den Palästinensern dürfte sie ihm nicht gestatten.