Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten einiges tat, hat es die Kulinarik in Deutschland immer noch schwer. Zwischen puritanischer Sparsamkeit und dem Schwingen der Distinktionskeule gibt es nur ein trauriges Mittelfeld. Das ist erstaunlich, da es hierzulande üblich ist, gerade an Italienern und Franzosen die Selbstverständlichkeit einer gehobenen Esskultur zu bewundern. Vor dieser Ausgangslage steht der Film Bella Martha von Sandra Nettelbeck. Martha ist Köchin, sie findet sogar, die beste von Hamburg, ihre Chefin sagt "die zweitbeste". In jedem Fall geht es also um mindestens 18 Punkte von Gault Millau oder drei Michelin-Sterne und damit auch um ein ziemlich erhabenes Plateau für einen kleinen Film. Taube und Trüffel, Gänseleber und Garzeit, das darf jetzt alles nicht fehlen, ebenso wenig wie der beflissene Nachweis, dass man die Hausaufgaben in Sachen Materialismus gemacht hat: Haute Cuisine ist nicht nur freie Kochkunst, sondern geölte Hektik. Martha weiß: "Logistik ist alles." Sie kann auch autoritär sein: "Kann mal jemand an das verdammte Telefon gehen?" In ihrer Freizeit macht sie sich Gedanken über die strukturelle Gewalt als Kehrseite des Berufs: den Tod von Austern und Hummern oder den von Köchen, die die Schmach der kleinen Panne nicht aushalten konnten. Marthas Produktion werden in diesem Film viele Steine in den Weg gelegt: territoriale Kämpfe am Arbeitsplatz, inkompetente Gäste und die Eintönigkeit der privaten Lebensführung. Dann stirbt auch noch ihre Schwester, und die verstockte Nichte braucht ein neues Zuhause. Derart ausgelastet, wird ihr im Restaurant ein Hilfskoch zur Seite gestellt, dessen breite "italienische" Art Martha in die Defensive treibt. Sandra Nettelbeck räumt Männern ein seltsam privilegiertes Feld ein, als Öffner klemmender Türen leisten sie bei ihr gute Dienste. Allerdings werden gerade die entscheidenden Wandlungen im Gefühlshaushalt der Frauen hinter scheußliche Musikpassagen oder gleich unter die Schrift des Abspanns gesteckt. Die Haute Cuisine war dann doch nicht so sehr das Thema oder wird von einer Menge Ablenkungen und Nebenschauplätzen verdeckt. Eine karge Idyllik aus Gastrokitsch, Kinderwunsch, Liebes- und Italiensehnsucht entzieht Nettelbecks Film schließlich jedes Gewicht. In Bella Martha hat sie ein Frauenbild entworfen, das ungefähr so viel Sinn macht wie eine Taube mit Matjesfüllung.