London

Mit der Warnung "Modernisiert oder sterbt" hatte Tony Blair die europäischen Genossen immer wieder genervt. Nun lichten sich auf dem Kontinent ihre Reihen. Jospin wurde unsanft von der politischen Bühne geschubst. Gerhard Schröder könnte im Bangen um eine zweite Amtsperiode doch noch ergrauen.

Verglichen damit herrschen in Großbritannien geradezu idyllische Zustände.

Labour hat den ersehnten zweiten Wahlsieg bereits vor einem Jahr erreicht.

Die Blair-Regierung hat es geschafft, den viel bespöttelten kranken Mann Europas in einen ökonomischen Musterknaben zu verwandeln. Kein Land der EU weist solche günstigen Wirtschaftsdaten auf, ob bei Wachstum, Beschäftigung, Leitzins oder Preisen. Die Stabilität hat ihre Wurzeln freilich nicht nur in kompetentem wirtschaftlichen Management. Andere Faktoren spielen hinein, von der Monarchie, die immer noch nationale Identität zu stiften vermag, bis hin zum Mehrheitswahlrecht. Das garantiert in aller Regel klare Verhältnisse und begrenzt die Folgen erratischer Ausschläge im Wählerverhalten. Die Neofaschisten der British National Party dürften deshalb nächste Woche bei den Lokalwahlen nicht über ein paar Mandate in Burnley oder Bradford hinauskommen.

Auch wenn der Ruf in den vergangenen zwei Jahren gelitten hatte, angesichts chaotischer Verkehrsverhältnisse, mieser Krankenhäuser und brennender nordenglischer Muslimghettos dürfte die politische Anziehung des britischen Modells wieder größer werden. Denn während sich die Sozialdemokraten auf dem Kontinent mühsam an angelsächsische Verhältnisse herantasten, nähert sich Britannien behutsam dem kontinentaleuropäischen Modell an. Die Labour-Regierung versucht dieser Tage, einen besonders gravierenden Einwand ihrer Kritiker zu entkräften, wonach in der marktdominierten angelsächsischen Gesellschaft soziale Gerechtigkeit und Fairness verkümmern und öffentliche Aufgaben zwangsläufig erodieren müssten.

Mit seinem sechsten Haushalt markiert New Labour eine historische Zäsur.