Zwei Tage lang krachten am Stadtrand von Kiew die Schüsse. Als das Morden am späten Nachmittag des 30. September 1941 zu Ende ging, lagen laut Bericht der SS in der Schlucht von Babij Jar die Leichen von 33 771 Menschen, viele davon Frauen und Kinder. Es war die größte einzelne "Aktion" während des deutschen Vormarschs in der Sowjetunion, und sie geschah, so viel ist heute klar, unter der Verantwortung des Heeres.

Dass sich in den Akten der Wehrmacht so gut wie keine Hinweise auf dieses ungeheure Verbrechen finden, ist für Wolfram Wette kein Zufall. Als Historiker müsse man "von einem systematischen Verwischen der Spuren der Mittäterschaft und der Mitwisserschaft ausgehen. Dieses begann bereits am Tage des Geschehens, dauerte bis weit über das Kriegsende hinaus fort und wirft seine Schatten bis zum heutigen Tage."

Damit ist zugleich ausgesprochen, was den Freiburger Militärhistoriker umtreibt: Wette will historische Kontinuitäten aufdecken und ins Bewusstsein einer Öffentlichkeit heben, die ihm dank der Debatte um die so genannte Wehrmachtsausstellung zwar sensibilisiert, aber noch längst nicht hinreichend informiert erscheint.

Die Darstellung hebt deshalb lange vor Kriegsbeginn an. In einem ersten Abschnitt erörtert Wette zunächst die deutschen "Rußlandbilder" im 20. Jahrhundert und den seit 1933 forcierten Antibolschewismus. Mit dem Feldzug gegen die Sowjetunion sei es zu einem "regelrechten ideologischen Schulterschluß zwischen Hitler und der Wehrmacht-Generalität" gekommen.

Derart hoch sei die Übereinstimmung in den "Vernichtungsvorstellungen" gewesen, dass es im deutschen Heer - anders als bei der Roten Armee - zur ideologischen Mobilisierung der Truppen keiner Politischen Kommissare bedurfte

die deutschen Generäle, so der Autor, "besorgten dies gleich mit".

Nicht weniger verhängnisvoll stellt sich für Wette die Tradition des Antisemitismus im deutschen Offizierskorps dar, die mit der "Judenzählung" des preußischen Kriegsministeriums im Herbst 1916 eine neue Stufe erreichte.

Zwar lasse sich angesichts der weithin unerforschten Dispositionen der Mannschaftsgrade über die Verbreitung des "elimininatorischen Antisemitismus" (Daniel Goldhagen) wenig sagen

außer Frage stehe aber, dass sich dieser "unter den Bedingungen eines allgemeinen Vorbehalts gegen die Juden entfalten und betätigen konnte". Und klar sei auch, dass das Oberkommando der Wehrmacht und das Oberkommando des Heeres die "Schleusen zu den Mordtaten öffneten, also ihren Teil dazu beitrugen, dass die Judenmorde als Staatsverbrechen organisiert und durchgeführt wurden".

Eindringlich erinnert Wette an den von ehemaligen und aktiven Offizieren initiierten rechtsradikalen Terror der frühen zwanziger Jahre

die politische Morde an den - jüdischen - Repräsentanten der Demokratie erscheinen ihm als "Vorboten des Umgangs mit politischen Gegnern in der NS-Zeit". Doch wie die Darstellung insgesamt, ist auch dieses Kapitel im Duktus der Beweisführung geschrieben: Wette argumentiert mehr, als dass er zeigt, weshalb die stupende Fülle der zusammengetragenen Informationen mitunter Kraft einbüßt.

Zugleich hätte manches Detail eine eingehendere Analyse verdient. So würde man zum Beispiel gerne erfahren haben - zumal von dem Biografen Gustav Noskes -, wie er dessen rückblickende Bemerkung zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Judentum einordnet, zu welcher sich der ehemalige Reichswehrminister 1947 in seinen Memoiren verstand: Antisemitismus habe sich in der SPD "laut sehr selten" geäußert, "trotzdem es unter der Decke daran nicht ganz gefehlt hat".

Die breite Spur des Widersinns, die der Antisemitismus im soldatischen Milieu längst vor dem "Dritten Reich" gezogen hatte, zeichnet Wette in einer Deutlichkeit nach, die in der Militärhistorie noch immer nicht üblich ist

so etwa mit der Geschichte des stellvertretenden Stahlhelm-Vorsitzenden Theodor Duesterberg, der sich 1924 in seinem Verband massiv für die Einführung des "Arierparagraphen" eingesetzt hatte - und dem 1932 nur der Rücktritt blieb, als entsprechende Nachforschungen in ihm einen "Judenabkömmling" ausgemacht hatten. Nicht minder gravierend scheinen die Irritationen ob seiner jüdischen Vorfahren gewesen zu sein, die Generalfeldmarschall Erich von Manstein plagten, der sich dann in den fünfziger Jahren, ungeachtet seiner vorangegangenen Verurteilung durch die Briten, als Ikone soldatischer Sauberkeit feiern ließ.

Dass die Legende vom "unbefleckten Schild" der Wehrmacht im Laufe der neunziger Jahre ihre Glaubwürdigkeit auch beim breiten Publikum verloren hat, konstatiert Wette mit erkennbarer Genugtuung. Seine Schilderung des steinigen Weges dorthin ist umso aufschlussreicher, als hier einer schreibt, der die Windungen und Wendungen der Militärgeschichte jahrzehntelang als teilnehmender Beobachter verfolgen konnte und der zu jener dezidiert kritischen Richtung um Manfred Messerschmidt zählt, die sich 1994 dem symbolpolitisch umstrittenen Umzug des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von Freiburg nach Potsdam weitgehend entzogen hat. So liest man mit einiger Faszination, wie Wette manche durchaus bekannten Forschungsergebnisse gegen den Strich bürstet - und zu einem Bild der Apologie und Leugnung zusammenfügt, an dem Generäle wie Halder und Heusinger als Historiker in eigener Sache bereits in amerikanischer Kriegsgefangenschaft zu arbeiten begannen. Vor dem Hintergrund der systematischen Legendenfabrikation in dieser Historical Division, wo Wehrmachtsoffiziere Gelegenheit fanden, unliebsame Dokumente verschwinden zu lassen, wird auch erklärlich, weshalb Militärgeschichtsschreibung und Holocaust-Forschung in Deutschland, wie Wette beklagt, bis in die Gegenwart hinein "getrennte Wege" gehen konnten.

Im Blick auf Babij Jar mag sich das ändern, wenn der Film über das Massaker in die Kinos kommt, den Arthur Brauner gegenwärtig produziert. Er hat in der Schlucht zwölf Angehörige verloren.

Wolfram Wette: Die Wehrmacht

Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002

375 S., 24,90 e