Die Anarchie hat ihre Wurzeln offenbar in der Landwirtschaft. "Also, du nimmst Dünger ..." - "... gewöhnlichen?" - "Ja, so das Übliche. Damit stopfst du ein Metallrohr, das du zuvor mit Drähten und Zünder ..." Und dann erklärt Herman de Jongh, wie die Autobombe funktioniert, die in der Kunsthalle der ahnungslosen Stadt Sankt Gallen liegt.

De Jongh ist einer der Köpfe einer Künstlerkolonie im niederländischen Rotterdam. In einer alten Lagerhalle, in der es noch heute nach Gewürznelken riecht, hat sich das Atelier van Lieshout eingerichtet. 25 Leute scharen sich um Joep van Lieshout, den Oberkünstler. Der denkt sich Dinge aus wie ein Maschinengewehr, das wir zusammenschrauben können, als sei es ein Billy-Regal. Eine SM-Küche, in der die Hausfrau im Käfig auf ihren Einsatz wartet. Oder den Mörser Marke Eigenbau. Auch er von so durchschlagendem Erfolg wie das ganze Kollektiv: Keine Kunsthalle, die ohne seine Arbeit auskommen mag.

Protest! Respect! - Politik als ästhetische Kategorie! nennt sich die Sankt Galler Ausstellung, die zehn Künstler unterschiedlicher Sprengkraft präsentiert. Nun sind manche von uns zahmer geworden, weil älter, und manche radikaler, weil älter. Manchmal lesen Ältere die Zeichen anders. Mich erinnerten manche Ausstellungsstücke an die siebziger Jahre, als Uschi immer und Rainer auch. Manchmal ist die Botschaft kaum verschlüsselt. Etwa beim Nachbau der amerikanischen Flagge, die der erste Mann im Mond in den Staub trieb, um den Russen eins auszuwischen. Vielleicht aber haben wir uns an die Vormachtstellung der USA schlicht gewöhnt.

Manchmal muss man sich die Geschichte zu den Dingen, die da herumstehen, erst erzählen lassen. Etwa die jener drei bauchhohen Betonklötze. Beinahe eine Tonne sind sie schwer, und ein paar Arbeiter haben geschuftet, um sie von A nach B zu schieben. Ein paar verbogene Stangen liegen da. Auf den Klötzen Bierflaschen, aber die haben Besucher dort deponiert. Die Rohlinge gehören zur Werkserie von Santiago Sierra, der für seine Arbeiten häufig Gelegenheitsarbeiter anheuert. In Zürich stemmten Asylbewerber stundenlang einen Balken in die Höhe, bis die Leiterin des Asylheims die Aktion empört abbrach. In Helsinki ließ er ein metertiefes Loch ausheben und bezahlte obdachlose Alkoholiker für ihr Sitzen (und dafür, dass sie sich zur Schau stellten). In Sankt Gallen war kein Arbeiter an der Vernissage tätig.

Offenbar ist körperliche Arbeit nicht das, was globalisierte Kunstmenschen sehen, und Schweiß kein Geruch, den sie riechen mögen. Bei Sierra mag die Radikalisierung seiner Arbeit damit zusammenhängen, dass er Spanien verließ und nun in Mexico City wohnt. "Es ist unmöglich, in Mexiko Kunst zu machen, die nicht politisch ist", sagte eine mexikanische Kritikerin.

Die radikalste Arbeit ist gleichzeitig die poetischste. Sie beginnt mit den Worten: "Mama, ich habe eine Überraschung für dich." - "Ich mag deine Überraschungen nicht, Anri", sagt die Mutter zum Sohn, dem 28-jährigen Anri Sala. Der hält eine Filmspule in der Hand. Nach und nach erfahren wir die ganze Geschichte. Die Mutter hat ein Interview gegeben, 20 Jahre ist das her, auf einem Jugendkongress der albanischen Kommunisten in Tirana. Die Tonspur fehlt. Was hat sie gesagt? Taubstumme lesen es ihr von den Lippen. "Unsinn!

Was ich da für einen Unsinn erzähle!" Anhand des Interviews erzählt Sala die Geschichte von der Vision der jungen Frau, ihre Erwartungen, ihre Frustration. Es ist die Geschichte des revolutionären Albaniens. "Ich verstehe nicht mehr, was um mich geschieht", sagt die Mutter gegen Schluss, "ich habe Angst. Ich habe Angst um dich und mich ... Wenn dieses Land eine Zukunft hat, dann hast du auch eine."