Der erste Lokführer war sternhagelblau, der zweite farbenblind. Beide übersahen das Stoppsignal. Jedenfalls erzählen das die Leute auf der Straße.

Fest steht, dass der Güterzug entgleiste und die Bahnlinie zwischen der Bergbauregion im Landesinneren von Guinea und dem Atlantikhafen Kamsar tagelang blockiert war. Auf der Strecke wird Bauxit transportiert, ein mineralisches Gemenge, das für die Herstellung von Aluminium unentbehrlich ist. Guinea lebt vom Bauxit, es ist nach Australien der zweitgrößte Produzent der Welt. Nun war seine ökonomische Hauptschlagader verstopft - durch zu viel Schnaps und zu wenig Achtsamkeit.

Ob alle Details dieser Geschichte der Wahrheit entsprechen? Das lässt sich in Afrika nie so genau sagen. Aber sie steht als Gleichnis für die Wirtschaftslage des Kontinents: Afrika, reich an Rohstoffen, Energiereserven und Arbeitskräften, bleibt in Armut gefangen, weil Schlamperei und Inkompetenz regieren. Es ist, als würden jeden Tag tausend Züge entgleisen.

Leben im Slum der Weltwirtschaft

Der "schwarze Erdteil" ist der Slum der Weltwirtschaft. 48 Staaten bringen es zusammen auf das Bruttosozialprodukt von Belgien. Drei Viertel der 650 Millionen Afrikaner leben in Armut, jedes dritte Kind ist unterernährt. 28 Millionen Menschen sind HIV-infiziert oder an Aids erkrankt. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist auf 48 Jahre gefallen, Afrikas Anteil am globalen Handel auf knapp ein Prozent gesunken. Pessimisten prophezeien, die nächste Generation werde noch ärmer, kränker und schlechter ausgebildet sein. Und noch weniger Chancen im globalen Wettbewerb haben.

Im Oktober 2000 taxierte Stefan Mair vom Berliner Institut für Wissenschaft und Politik gemeinsam mit fünf namhaften deutschen Afrika-Experten die Zukunftsaussichten des Kontinents. In die Kategorie der Schwellenländer fielen nur 2 Zwergstaaten, die Seychellen und Mauritius

8 Staaten - Ghana, Kap Verde, Gabun, Äquatorialguinea, Botsuana, Namibia, Lesotho und Südafrika - wurden zu den potenziellen Reformländern gezählt. Der Rest, so die Wissenschaftler, habe geringe oder keine Entwicklungschancen. 13 Staaten seien ohne jede Perspektive, unter ihnen Somalia, Sierra Leone, Burundi, Kongo, Malawi, Madagaskar. Fazit: "Entwicklung im Sinne nachhaltiger Armutsreduzierung wird für die meisten Länder Afrikas auch in den nächsten 30 bis 50 Jahren nicht möglich sein." Die Gemeinde der Afrophilen reagierte empört: Afrika werde abgeschrieben, hieß es. Allein, die Fachleute haben jenseits der üblichen Untergangsszenarien und des überoptimistischen Wunschdenkens einen realistischen Befund geliefert.