Fast konnte einem der Mann schon leidtun. Bei BMW war Wolfgang Reitzle zweimal drauf und dran, Chef zu werden. Seine exzellenten fachlichen Leistungen bei der Entwicklung der bayerischen Automarke waren unbestritten, und er hatte dafür gesorgt, dass dies nicht verborgen blieb. Doch beide Male stachen zuvor vergleichsweise blasse Konkurrenten den gebürtigen Neu-Ulmer aus. Frustriert wechselte "Mister BMW" 1999 zu Ford. Dort bot ihm der damalige Konzernchef Jac Nasser ein absolutes Spitzengehalt - und mit Jaguar, Aston Martin, Volvo, Lincoln und Land Rover ein Quintett illustrer Marken, mit denen er von London aus den Marktführern im Luxusautogeschäft, Mercedes und BMW, einzuheizen gedachte. Auf zehn Jahre hatte Reitzle selbst die Aufholjagd angelegt, doch schon nach drei Jahren schmiss er jetzt hin. Sein altes Trauma hatte ihn eingeholt.

Nachdem Nasser wegen der Schieflage des Autokonzerns in den USA geschasst wurde, trat Gründer-Urenkel Bill Ford an die Spitze. Der holte sich als Nummer zwei den Engländer Nick Scheele ins Hauptquartier nach Dearborn bei Detroit. Reitzle musste nicht mehr an den Boss direkt, sondern - demütigend für den selbstbewussten 53-Jährigen - an den Exchef von Ford Europa berichten. Wieder war ihm einer vor die Nase gesetzt worden, dem er sich weit überlegen wähnte. Da konnten ihn auch großzügige finanzielle Anreize nicht mehr halten. "Reitzle wollte Chef werden, Chef eines deutschen Unternehmens", kommentierte Bill Ford den Weggang seines Luxusspartenchefs, der seine Passion jüngst noch als Buchautor (Luxus schafft Wohlstand) verewigt hatte.

Künftig wird Reitzle dem Wiesbadener Maschinenbau- und Chemiekonzern Linde vorstehen. Ein solides Großunternehmen, das mit der Glamourwelt, in der sich der mit TV-Moderatorin Nina Ruge verehelichte Luxusmanager so gerne bewegte, denkbar wenig zu tun hat. Zwar lobte er Linde vorab als "schlafendes Juwel", doch ob er sich mit Großkühlanlagen, Industriegasen oder Gabelstaplern ebenso identifizieren kann wie mit schnurrenden Zwölfzylindern? Auch wenn Linde die Wägelchen zum Stapeln unter dem schönen Begriff "Material Handling" führt, könnte Reitzle schon bald was fehlen.