In der Philharmonie sah es aus wie zur Multimedia-Produktion eines neuen Chefs, vier Projektionsflächen hingen überm Orchester, und anstelle repräsentativer Sinfonik und bilanzierender Repertoire-Tempelbegehung stand nahezu unbekannte Musik auf dem Programm: Schostakowitschs Filmmusik zu King Lear inklusive Film. Manch altgedienter Abonnent mochte befürchtet haben, wie die Getreuen Lears, hier verschenke ein Großer seine Macht an Unwürdiges, und die Musik werde, einer Cordelia gleich, als Todesopfer des Kinos enden.

Wahnsinn und Weltflucht

Schon vor der Pause, bei Brahms und Mahler, gab es Hinweise, dass zum Abschied nicht die Macht der Musik gefeiert, sondern ihre Bedingtheit gezeigt werden sollte: Vertonungen von Texten über Zweifel, Rückzug, Verunsicherung. "Jahrlang ins Ungewisse hinab" stürzen bei Hölderlin die Menschen, ein Schluss, den Johannes Brahms so trostlos fand, dass er den zwei Strophen eine dritte ohne Worte hinzukomponierte im Schicksalslied - als könnten Menschen vielleicht doch einmal "droben im Licht" wandeln wie Genien.

Spannender ist es drunten, wenn es ums Menschenleiden geht und der Schwedische Rundfunkchor singt, schlank, markant, mit blühend reiner Intonation und eine entscheidende Idee wütender als das Orchester. Die Philharmoniker mochten, nach himmlisch seidigem Beginn, nie ganz bissig werden, was sich auch der Ambivalenz Abbados verdankt: Er drängt durchaus an die Grenzen, aber wo einem Stück nicht der Kontrollverlust einkomponiert ist wie etwa Mahlers Sechster, bleibt seinem Musizieren oft etwas weltfern Schönes.

Die Weltferne als bewussten Entwurf machte Abbado dann in Gustav Mahlers Liedern nach Rückert zum Thema. Gern hätte man ihr Subjekt als Alter Ego des Dirigenten hören mögen: Ich bin der Welt abhanden gekommen hatte er programmatisch an den Schluss gesetzt. Doch Waltraud Meier klang einfach nur groß, teuer und berühmt. Einfarbig und belanglos sang sie an den anrührenden, zutraulichen Gebilden vorbei, beim herzensguten Liebst du um Schönheit sogar so eilig, dass Abbado sie mit chevaleresker Höflichkeit bremsen musste.

Im Lear führt Weltflucht allenfalls zu Wahnsinn, nicht zu Schönheit; nach Niederbrennen seiner Burg verschlägt es einen abgedankten König in brutale Realität. Abbado hinterlässt seine philharmonische Burg zwar intakt, doch mittendrin wirkt seine Installation aus Filmepisoden und Musik wie ein Trojanisches Pferd. Was zuerst halb spleenig, halb modisch multimedial anmutete, führte schließlich zum Einbruch von Gegenwart.

Lear ist ein schwarzweißer Tonfilm aus der Sowjetunion des Jahres 1970, gedreht von Grigori Kosinzew mit Darstellern von einer Intensität, die man in Hollywood strafrechtlich verfolgen würde, von Juri Jarwets König kann man den Blick nicht wenden. Schostakowitschs Musik dazu ist nicht gerade sein künstlerisches Vermächtnis und soll es auch nicht sein. Sie ist vor allem deutlich in den naheliegenden Affekten (Fanfaren, Schmerzensintervalle) wie in den verweigerten, wenn etwa zum Kriegsgemetzel wortlos der Chor singt - Letzteres eine Idee des Regisseurs, für den Schostakowitsch schon 1941 eine Lear-Theatermusik schrieb.