Als sie das Plakat sah, fielen ihr ihre Zukunftsvisionen wieder ein, von damals, als sie gerade schwanger geworden war. Obwohl der beteiligte Liebhaber von vornherein sein Desinteresse an familiärer Fortpflanzung bekundet hatte, freute sie sich wahnsinnig auf das Kind.

"Was ich mir vorstellte, war, dass du nach einem interessanten Arbeitstag - ich hatte ja einen klasse Job, kreativ, gut bezahlt, nette Kollegen - abends nach Hause kommst, und das Kind freut sich und umarmt dich, und ich zieh Jacke und Schuhe aus und spiel mit dem Kind auf dem Teppich." Sie lacht. "Eine Runde Mutter und Kind spielen, irgendwie. Ich dachte selbstverständlich, dass ich ein Kindermädchen haben würde, das schon mal das Abendessen macht. Und wenn das Kind im Bett liegt und tief schläft, kommt der aktuelle Galan mit frischen Blumen." Für die Zukunft versprach sie sich grenzenlose Unabhängigkeit und häusliches Glück, obwohl sie sich manchmal ziemlich allein fühlte.

Das Plakat verfolgte sie, später, während sie auf dem Boden herumkroch und den verdammten Schnuller suchte, derweil das Kind schrie und am Telefon die Tagesmutter wartete, um sich für den Rest der Woche krank zu melden.

Es verfolgte sie, wenn sie unausgeschlafen im Bürostuhl hing, nach der zigten schlaflosen Nacht. Die Zähne. Die Windpocken.

Und es verfolgte sie, wenn sie den Vätern auf dem Spielplatz zuschaute.

"Zwei Dinge habe ich vorher nicht wissen können: wie anstrengend mein Alltag werden würde und wie sehr ich dieses Kind lieben würde. Das Wirkliche, das kommt dann hinterher, und es bleibt da." Das Wirkliche heißt Malwina und ist inzwischen acht.

"Ich habe mehr als einmal darüber nachgedacht, ob ich dem ganzen Stress ein Ende bereiten und am nächsten Tag zum Sozialamt gehen sollte. Manchmal hatte ich das Gefühl, an allen Fronten versagt zu haben. Eine schlechte Mutter, die sich nicht genug um ihr Kind kümmert; aber Karriere war auch kein Thema - erst jetzt wieder. Du rennst, um auf der Stelle zu bleiben. Und dann noch dieses Gefühl, meinem Kind nicht das bieten zu können, was die meisten haben: eine normale Familie. Da fühlst du dich auch als Frau wie ein Versager: irgendwie nicht sexy genug."