Derselbe Gouverneur Duhalde erfand den "Plan Glückliche Tage": Schüler aus einkommensschwachen Familien sollten auf Kosten des Sozialfonds eine Woche Ferien am Meer machen. Unter Vertrag genommen wurde die Firma "Komplex Glückliche Tage", ohne jede Ausschreibung oder Preisvergleich mit Konkurrenten. Das Unternehmen war angeblich eine Hotel- und Gastronomiefirma, hatte aber noch nie eine solche Reise organisiert. Der Preis pro Schüler: 358 Dollar, während der Marktpreis bei rund 150 Dollar lag. Den Verantwortlichen wurde das erst klar, als die Kinder schon längst ihre Ferien genossen. Skandal! Doch Duhalde saß ihn aus. Es gab keine Untersuchungskommission, und bestraft wurde auch niemand. Dafür strengte Duhalde einen Prozess an, der ihn von Vorwürfen freisprach, er habe persönliche Vorteile aus dem Sozialfonds gezogen.

Zwei Episoden, die viel über Argentinien erzählen. Das Land gehörte vor wenigen Generationen zu den reichsten der Erde, heute dagegen ist es arm und hoch verschuldet. Ende des vergangenen Jahres erklärte die Regierung endgültig ihren Bankrott, als sie ihre Schulden im Ausland nicht mehr bezahlte, die Banken schloss und Renten kürzte. Die Reaktion des Volkes war unmissverständlich: Es revoltierte, demolierte seine Hauptstadt und verjagte die gescheiterte Regierung. Seither hält nichts und niemand den Zerfall auf.

Woher sollte ein rettender Held auch kommen? Die Elite des Landes ist moralisch seit langem am Ende: Altpräsident Carlos Menem etwa oder sein Nachfolger Fernando de la Rúa, sie waren in Bestechungsfälle verwickelt. Gegen Menem läuft zudem ein Gerichtsverfahren wegen Waffenschmuggels. Es gibt nur wenige Spitzenpolitiker und Großunternehmer, die nicht im Verdacht stehen, staatliche Gelder veruntreut zu haben. Wegen Korruption verurteilt werden zwar wenige, aber plötzlich auftretender Reichtum ist ein bekanntes Phänomen in besseren Kreisen. Wer Gründe für die Lage des Landes sucht, der muss auf die politische und wirtschaftliche Elite schauen.

"Vetternwirtschaft zwischen Unternehmern und Politikern hat einen großen Anteil an der aktuellen Krise", sagt Frank Priess, Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Buenos Aires. "Es lag den Unternehmern hier immer näher, mit Politikern zu kungeln, als sich dem Wettbewerb zu stellen." Viele der großen Unternehmerfamilien Argentiniens haben ihr Vermögen unter dem Schutz hoher Handelsbarrieren oder staatlicher Subventionen gemacht und danach ins Ausland geschafft. Nicht von ungefähr ist die Summe an argentinischem Kapital, das heute auf Auslandskonten lagert, fast so hoch wie die Staatsschuld, die sich auf 136 Milliarden Dollar beläuft. Das Wirtschaftsministerium beziffert die Auslandsguthaben der Argentinier auf 106 Milliarden Dollar, andere Schätzungen nennen Summen bis zu 150 Milliarden Dollar.

Die großen Unternehmergruppen des Landes, "die Eigentümer Argentiniens", wie der Journalist Luis Majul die Familien Perez Companc, Soldati, Roggio, Pescarmona, Fortabat, Bulgheroni, Macri, Rocca und Born nennt, profitieren von ihren guten Verbindungen zur Politik. "Jedes Mal, wenn sie innerhalb eines Systems handeln, das zur Korruption einlädt, haben sie es weder angezeigt noch gestört", schreibt Majul. In Argentinien sind oft nur Journalisten mutig genug, solche Sätze zu sagen oder gar aufzuschreiben. "Die Unternehmer haben eine perverse Beziehung zur politischen Macht: Mit der einen Hand bieten sie der Politik Geld, mit der anderen zerren sie an ihrem Jackett, um Geschäfte zu machen."

In den siebziger Jahren, als die argentinische Militärregierung die Erdölindustrie und weitere Staatsbetriebe teilweise für private Firmen öffnete, legten viele der heute großen Unternehmerklans den Grundstock für ihre Vermögen. Oder dafür, noch reicher zu werden, als sie es ohnehin schon waren. Der Staat nahm derweil Kredite auf, denn die waren zu jener Zeit billig, und tat so die ersten Schritte in Richtung Ruin. Die Regierung machte es den Herren des Kapitals damals verdächtig leicht, Geld zu verdienen. Der Buchautor und politische Beobachter Horacio Verbitsky schreibt: "Die Konzessionen, die an einen Großteil der heute dominierenden Unternehmensgruppen vergeben wurden, hatten das politische Ziel, sie wachsen zu lassen." Er erläutert auch, wie das funktionierte: Der staatliche Erdölkonzern YPF zahlte den privaten Fördergesellschaften Preise, die von keiner Behörde überprüft wurden. Fast immer lagen sie über dem Weltmarktniveau. Dann verkaufte das Staatsunternehmen YPF das Rohöl zu Marktpreisen an private Raffinerien weiter. Die Folge: YPF nahm weniger ein, als es für das Öl zahlte, und häufte über die Jahre ein immer größeres Defizit an. Bis Carlos Menem den "ineffizienten" Staatsbetrieb in den neunziger Jahren an die spanische Repsol verkaufte.

Der Altpräsident, im Ausland einst hoch gelobt wegen seiner Politik der Privatisierung und Marktöffnung, ist heute unter seinen Landsleuten, vorsichtig formuliert, umstritten. Noticias definiert den "Geist der Ära Menem" mit drei Begriffen: "Protzerei, Probleme mit der Steuerbehörde, Fotomodelle".