Zugegeben: Die 54 Milliarden entstehen vor allem durch eine Sonderabschreibung, weil es neue Buchhaltungsregeln gibt. Denen zufolge muss AOL Time Warner in seiner Bilanz zeigen, wenn sich der Börsenwert des Unternehmens verändert - und der schrumpfte rapide: Die Aktie verlor zwei Drittel ihres Wertes, seit der Internet-Provider AOL und der TV- und Zeitschriftenkonzern Time Warner vor zwei Jahren fusionierten. Was folgt daraus? Macht die Fusion überhaupt Sinn? Wird sie sich jemals auszahlen, oder war sie die letzte große Luftblase des Internet-Fiebers der neunziger Jahre? Der neue Chef Richard Parsons, der in diesem Monat antritt, wird diese Fragen beantworten müssen.

Pessimisten an der Wall Street haben sich längst festgelegt. Kaufen Sie Time Warner, dann bekommen sie AOL umsonst dazu, lautete kürzlich der Titel einer Aktienanalyse. Sie argumentieren: Wenn man den Marktwert der alten Time-Warner-Unternehmen schätzt und zusammenrechnet - von CNN bis Fortune, von den Warner Bros bis zu Warner Music -, ergibt das etwa den aktuellen Börsenwert des Unternehmens. AOL ist also quasi nichts wert und der Gesamtkonzern weniger als die Summe seiner Teile. "AOL ist unser größtes Problem", hat der designierte Chef Parsons schon gesagt, aber Pläne für einen Spinoff werden eifrig dementiert.

Zur Erinnerung: Es war der Online-Dienst AOL, der damals Time Warner übernahm - für 130 Milliarden Dollar in eigenen Aktien. Angeregt wurde die Fusion von den Propheten eines neuen digitalen Zeitalters. In der Zukunft, glaubten sie, würden schnelle Breitbandzugänge über die Telefonleitung, digitale TV-Kabelnetze, Funknetze und das drahtlose Internet zu den bestimmenden Transportwegen für Musik, Filme, Nachrichten oder das Telefonieren. Tragbare, vernetzte Geräte würden die klotzigen Tischcomputer, die heutigen Fernsehgeräte und so manches gedruckte Magazin verdrängen. Die Folgen würden jeden Medienkonzern umstülpen, und AOL plus Time Warner seien am besten für den Wandel der alten in eine neue Medienwirtschaft gerüstet - bereit für "Turbowachstum" (so Chairman Steve Case).

Nach zwei Jahren ist wenig zu sehen, was eine Milliardenfusion rechtfertigt - auch wenn beide Unternehmenshälften häufiger zusammenarbeiten als vorher: AOL verbreitet Berichte des Time-Warner-Magazins Time unter seinen Kunden, was dem Blatt neue Abonnenten bringt. Der TV-Moderator des Magazins CNN Moneyline schreibt eine Kolumne im gedruckten Money-Magazin. Werbung bei AOL heizte die Vorfreude auf die Kinofilme Harry Potter und Herr der Ringe an. Am sichtbarsten sind die Vorteile für AOL: Der Internet-Provider hätte im vergangenen Jahr viel größere Verluste geschrieben, wenn Time-Warner-Firmen dort nicht für 130 Millionen Dollar inseriert hätten. Ein Konzern als sein wichtigster Anzeigenkunde. Bravo.

Nun ist AOL Time Warner keineswegs das einzige Unternehmen, das seine Anleger damit vertröstet, die digitale Wachstumsexplosion käme leider ein wenig später als gedacht. Der japanische Gerätehersteller Sony erzählt so etwas schon seit zwei Jahrzehnten, ebenso wie Kabelnetzbetreiber oder der Medienkonzern Disney. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Nur: Es könnte bald so weit sein.

Da sind zunächst sehr praktische Gründe für eine ernüchternde Bilanz der AOL-Time-Warner-Fusion. Die Breitbandrevolution - der Internet-Zugang über wirklich schnelle Leitungen - lässt im Internet-Pionierland USA auf sich warten. Selbst Optimisten glauben, dass 2006 erst die Hälfte aller Amerikaner verbunden sein wird. Nur ein Teil davon wird über die heutigen TV-Kabelnetze angeschlossen, von denen wiederum AOL Time Warner gerade einmal 20 Prozent gehören. Als sei das nicht genug, wird den eigenen Kabelkunden zumeist der Internet-Dienst Roadrunner angeboten - und nicht AOL. Andere Kabelfirmen sind zudem äußerst vorsichtig, AOL über ihre Leitungen an die Endkunden heranzulassen - sie wollen sich ja von AOL (das irgendwann auch Musik und Fernsehen und Video liefern will) nicht das eigene Fernseh- und Internet-Geschäft kaputt machen lassen. Keine gute Ausgangsposition also.

Mit Geduld ließe sich vieles davon verändern, wenn es nicht auch grundsätzliche Kritik an der Medien-"Synergie" gäbe. Schon die Werbeaktionen für konzerneigene Filme und Magazine haben bei den Redakteuren des Internet-Dienstes AOL Unmut ausgelöst: Sie seien doch keine Vermarktungsabteilung. AOL-Kunden mokieren sich zu Tausenden in Online-Diskussionsgruppen, dass Werbebanner ihre Seiten zukleistern. Beim Magazin Time ist man stolz auf seine journalistische Unabhängigkeit: Die jüngste Coverstory ist eine glühende Werbung für Star Wars Episode II vom Warner-Konkurrenten Lucasfilm.