Carl ZuckmayersGeheimreport hat schon Aufsehen erregt, bevor er, wie jetzt, ganz vorlag. 1947 gab es bereits Auszüge in der Neuen Zeitung. Danach Streit, dann Vergessen und jetzt: eine Sensation?

Insgesamt: Etwa 180 Seiten Text mit 150 Lang- und Kurzporträts von Carl Ruck-Zuckmayer; dann 300 Seiten Anmerkungen und Kommentare der archivschürfenden und mit ihrem Fleiß gar nicht aufhören wollenden Herausgeber der Marbacher Schule: Gunther Nickel und Johanna Schrön. Ihr wuchernder Anhang ist historisch kostbar, erinnernd, erhellend, ergänzend, auch notwendig, wenngleich nicht korrektur- und meinungsstark. Der Zuckmayersche Teil ist eine Originalsammlung, die man eben bewundern und im nächsten Augenblick in die Ecke werfen will. Zuerst ist es ein Buch für Vergangenheitsschnüffler, dann für Menschenbetrachter, dann für Zuckmayerianer (für diese: begeisternd und befremdend). An manchen Stellen ruft man wie Iphigenie: "Rettet Euer Bild in meiner Seele".

Der populäre und verehrte Zuckmayer schrieb, gewiss ohne Spekulation auf eine spätere Veröffentlichung, seine Ansichten und Urteile über Menschen nieder, die im "Dritten Reich" Hitlers blieben und dort etwas galten. Seine Rapporte entstanden im Auftrag des amerikanischen Office for Strategic Services (OSS), etwa 1943, als Stalingrad fiel. Die Frage war damals: Wer kann im besiegten Deutschland noch etwas gelten? Und wer nicht?

Zuckmayers Niederschriften sind also Produkte des Exils. Nur als solche sind sie zu sehen, als solche haben sie ihren eigenen Wert: Wie sah ein Emigrant die Leute drinnen von draußen? Da er einst selbst mitten im literarischen Leben der Weimarer Republik stand, ein geselliger Mensch war, kannte er viele, über die er zu schreiben hatte. Er nahm aber auch die interessiert wahr, die ihm fremd blieben, und mit anderen Augen die, die die Bühne besetzten, von der er 1933 vertrieben wurde. Hass, Rachsucht, gar Feindlichkeit entsprachen nicht seiner einst öffentlich gewordenen und nach 1945 wieder restaurierten versöhnenden Natur.

Wenn Zuckmayer Kritik an sich selbst erfuhr, galt sie vor allem seiner naiven Menschengläubigkeit, seiner humorvollen Sanftmut, seinem erkennenden, zur Versöhnung neigenden Verstehen. Das Menschenpanorama seines Schauspiels Des Teufels General, das während und nach der Niederschrift dieser Texte entstand und die Naziwelt in seinem Deutschland betrachtete, zeigte seinen unverstellten, durch das Exil geschärften Blick für Situation und Konstellation, exakte Menschenkonturen, Begründung der akuten ideologischen Irrtümer aus einem lebensvollen Verständnis für die allgemeine Geschichte und die der Einzelnen in ihr. Zuckmayer war überzeugt, dass das, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland geschah, "auch bei anderen Völkern denkbar und möglich" wäre. Es ging ihm in dem von der linken Kritik damals hart zerzausten Stück nicht um Entschuldigung, sondern um Verbildlichung, um Charakterbelichtungen.

Was im Geheimreport gesammelt ist, ist ein anderes Menschenpanorama: das der "Künstler oder kunstnaher Personen in einer Zeit politischer Umschwünge und Katastrophen". Zuckmayer misst die Personage seiner "Charakterologie" mit anderen Maßstäben als die der Politiker, von denen hier nicht die Rede ist; er spricht, fast um Nachsicht bittend, von einer historisch zu begründenden, spezifisch deutschen Bindung der Künstler an die "Kunst" als einen exemten Bezirk neben der Politik. Er rechtfertigt und untersucht diese Fixierung nicht, er begnügt sich mit: So ist es.

Sein Freund Werner Krauß, der große Schauspieler, ist sein Beispiel für solche Kunstbesessenheit; diese nimmt die Blendung durch das System, das "die Kunst" hofiert und gleichzeitig neue Rollen verteilt, nicht wahr, weil sie ihr Opfer wird. Zu den immer mit ihrer Identität beschäftigten Schauspielern ist Zuckmayer milder als zu Autoren und Verlegern. "Mit dem Mittel der Sprache wächst die Verantwortung", sagt er und auch im selben Atemzug, "die Nazis, die wohl wissen, wie die Gewichte verteilt sind, haben andere und bekenntnishaftere Anforderungen an sie gestellt".