Kaum hatte Märki seinen Plan Ende Februar verkündet, begleitet von Beifall der Weimarer, die für die Erhaltung ihres Theaters einen wahren Bürgeraufstand veranstaltet haben, wurde er plötzlich als mögliches Modell für die ganze Republik gehandelt. Weimar als Befreiungsschlag! Mit Stielaugen beobachten die Intendanten anderer notleidender Häuser, was Märki vorhat, um es ihm im Erfolgsfall nachzutun. Vom "Weimarer Wunder" war in der FAZ die Rede, vom "mutigen Messerschnitt" ins "Krebsgeschwür des deutschen Stadttheaters". Und, fragt mancher bereits, spiegelt das Theater nicht immer auch die große Welt im Kleinen, zeigt sich im labilen, sensiblen Theaterkosmos nicht, was im Grunde genommen im gesamten öffentlichen Dienst, von den Verwaltungen bis zu den Universitäten, fatal wirkt: ein Versorgungsautomatismus, der die inhaltliche Arbeit lahmzulegen droht?

Die Tarifstrukturen als Krebsgeschwür. Man müsse sie nur richtig interpretieren und konsequent ausschöpfen, dann komme man bestens mit ihnen klar, sagen dagegen die alten Theaterfüchse. Man sei beim Lichten des Dickichts inzwischen ein gutes Stück vorangekommen, erklären die Verbandsfunktionäre. Entscheidendes habe sich nicht getan, stöhnen viele Intendanten.

Es gibt sie wie eh und je, die wundersamen Gaga-Geschichten aus der Welt des deutschen Kunstbeamtentums, die für die Theaterangehörigen ganz selbstverständlich sind und über die jeder Außenstehende nur den Kopf schütteln kann. Zum Beispiel, dass der Requisiteur die Hände in den Taschen vergräbt, wenn schnell eine Kulisse von der Probebühne gewuchtet werden muss - ist nicht sein Job, steht nicht in seinem BAT-Vertrag. Oder dass vor dem Operndirigenten plötzlich in der Aufführung ganz andere Musiker sitzen als die, mit denen er geprobt hatte. Verquere Dienstplanlogik, skurrile Umstandskrämereien, und irgendwo im Kleingedruckten droht immer eine Zulage.

Die Orchestermusiker dürfen sich zum Beispiel zwei "Einspieldienste" gutschreiben, weil sie ja auch im Urlaub üben und sich für die neue Saison einspielen müssen. Nach dem TVK, dem Tarifvertrag für die Kulturorchester, steht ihnen auch ein Aufgeld für das Spielen "schwieriger Werke" zu. Als wäre es nicht das Selbstverständnis der Kunstschaffenden, genau jenes Schwierige möglich zu machen.

Überhaupt: die Orchester. Als Privilegienritter und Meister aller Pfründe sind sie verschrien und in jeder Stadt eine Macht. Der besonderen Fürsorge der Politiker können sie gewiss sein, weil Musik immer am besten der Sehnsucht nach städtischem Glanz entgegenkommt. Eine eiserne Verbandslobby stärkt ihnen den Rücken. In der Gehaltshierarchie an den Theatern stehen die Musiker ganz oben. Eine 19,5-Stunden-Woche, strukturiert in sieben "Dienste", müssen sie absolvieren, der Rest steht für private Übezeit zur freien Verfügung. "Wenn ich sehe, wie vergleichsweise gering die Arbeitsverpflichtung der Musiker gegenüber unserem Haus ist und wie viel sie nebenher unterrichten, in anderen Orchestern aushelfen oder womöglich noch einen zweiten Beruf ausüben, dann packt mich der Groll", sagt ein Intendant.

Wie Spielregeln für die gut geheizte Kunstkuschelecke von einst lesen sich die Theatertarifverträge. Sie stammen aus einer Zeit, als der Kultur der eisige Wind des Neoliberalismus noch nicht durchs offene Fenster pfiff und bedenklich an den schönen schweren Samtvorhängen zerrte, als sich im Konsensstreben der alten Bundesrepublik jeder Interessenkonflikt mit einer Zusatzklausel im Vertrag beilegen ließ. Aber auf Dauer werden sich die alten, gemütlichen Verhältnisse kaum konservieren lassen.

Früher erreichten die Intendanten bei den Politikern ja auch noch etwas, wenn sie zu gegebenem Anlass die Zähne fletschten, mit einschüchterndem Feuerschnauben die Kunst im Allgemeinen und die Verantwortung ihrer Stadt für die Kultur im Besonderen anmahnten - eine zusätzliche Fagottistenstelle für das Orchester war so allemal loszuschlagen. Heute schnappen solche Intendanten-Krokodil-Auftritte einfach ins Leere. Selbst der Oberreißzahn Peymann zählt in Berlin inzwischen lieber seine Abonnentenschäfchen, anstatt sie samt den Kulturpolitikern zu fressen. Die Theaterchefs haben es sich vor allem an den kleinen Bühnen abgeschminkt, dass ihre Finanzierungsnot nur vorübergehend ist. Sie versuchen die bestmögliche Kunst aus den schwindenden Möglichkeiten zu machen (oder auch nicht).