Also müssen die Theater mit dem klarkommen, was sie jetzt kriegen. Und sich reformieren. "Die Tücke steckt da im Detail", pflegt Rolf Bolwin dann zu sagen, der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, der Dachorganisation der Theater. Er ist gewissermaßen der Feinmechaniker im Bühnenvertragssystem.

Einer, der unermüdlich an den kleinen Rändelschrauben dreht, der hilft, hier ein Zahnrädchen neu zu justieren und dort den Transmissionsriemen eine Spur fester anzuziehen - aber das große Ganze dabei nicht angetastet sehen will.

Fusionen sind keine Lösung

Das "so genannte Weimarer Modell" hält er für ein großes Windei. Völlig utopisch sei die Vorstellung, man könne Theater ohne Tarifverträge führen.

"Wir werden die Gewerkschaften nicht abschaffen können", sagt er, "nicht das Grundgesetz und nicht die sozialdemokratische Arbeitnehmerpolitik." Und wie überhaupt solle der Theaterbetrieb ohne übergeordnete Rechtsordnungen funktionieren? Bolwin ist, was das Thema Weimar angeht, auch deshalb so dünnhäutig, weil der Deutsche Bühnenverein eine Fusion zwischen Erfurt und Weimar vorgeschlagen hatte, die in Weimar keiner wollte. "Fusionen", sagt Stephan Märki, "lösen die Probleme nicht, sondern verdoppeln sie." Märki beabsichtigt, für seine Reform sogar aus dem Bühnenverein auszutreten. Der habe zu den festgefahrenen Verhältnissen im Theatersystem auch seinen Teil beigetragen. Bolwin wiederum verweist auf die kleinen, zäh am Verhandlungstisch errungenen Erfolge, die ihn hoffnungsvoll stimmen. Sein Lieblingssatz ist: "Das müssen Sie viel differenzierter sehen." So differenziert wie die Antwort auf die Frage, wer im Theatersystem mit wem über welche Beschäftigungsbereiche Tarifverhandlungen mit welcher Interessenlage führt. Man muss sich ein aufwändiges Organigramm zeichnen, um die Feinheiten zu verstehen. Kompliziert vernetzt sind die Dinge, letztlich scheint jeder der vielen Beteiligten jeden in Schach zu halten. Am Ende aller Bolwinschen Erläuterungen steht deshalb immer noch der Satz im Notizbuch: Das deutsche Stadttheatersystem ist nicht mehr finanzierbar.

Geht einem Unternehmen in der freien Wirtschaft das Geld aus, dauert es nicht mehr lange, bis es Konkurs anmeldet und die Lichter ausgehen. Die Theater jedoch existieren auf unterschiedlichen Schwundstufen immer weiter, und es ist nur die Kunst, die peu à peu Konkurs anmeldet. Der schleichende Auszehrungsprozess droht sogar Häusern, die sich zu den besten im Land zählen. Die Stadt Hamburg etwa zahlt ihren Staatstheatern seit Jahren nicht mehr die regelmäßig anfallenden Tariferhöhungen für die Beschäftigten, und wie im bankrotten Berlin wissen auch dort die Intendanten nicht mehr, wie sie dem Würgegriff der Mehrkosten entkommen sollen. Zum ewigen Sparpreis ist beispielsweise das avancierte Musiktheater, das Ingo Metzmacher an der Staatsoper macht, nicht zu haben. Der Generalmusikdirektor sieht das künstlerische Niveau seines Hauses massiv gefährdet.

Nach unten ist die Skala der Existenzschwundstufen beliebig offen: Man muss ja nicht unbedingt drei Sparten an einem Stadttheater anbieten. Man kann Opern auch mit einem schütteren Orchester und Minichor aufführen. Man kann fusionieren oder den Vorhang aus Kostengründen nur noch an den Wochenenden hochgehen lassen. Irgendwann bleiben dann an einigen Orten nur noch die leeren Theatergehäuse übrig, verwaltet und gelegentlich mit Gastspielen belebt von einsamen Intendanten ohne Ensemble. Der künstlerische Puls des Stadttheaters, man kann es längst spüren, wird flacher.