Also doch das Weimarer Modell als Rettung, die Selbstbefreiung der Theater von innen heraus? Stephan Märki zuckt jedesmal zusammen, wenn er das Stichwort "Modell" hört. Er weiß ganz genau, dass die Chancen für den Ausstieg aus den Flächentarifverträgen sinken, je prinzipieller seine Initiative in der Öffentlichkeit diskutiert wird - bloß nicht zum Präzedenzfall werden. Wenn den die Gewerkschaften und die Orchestervereinigung wittern, werden sie den eisernen Vorhang bei den Verhandlungen herunterlassen und jede Lösung blockieren. Für Märkis Reform ist nämlich Einmütigkeit unter allen Beschäftigten Voraussetzung. Der Intendant muss alle im Haus, vom Beleuchter bis zum letzten Tuttigeiger, dazu bringen, auf die alten Tarifprivilegien zu verzichten und den neuen Weg mit einer neuen Rechtsform und neuen Verträgen mitzugehen. Zwingen kann er niemanden. Sein einziges Argument ist, so dem Nationaltheater die Eigenständigkeit und die Arbeitsplätze zu sichern. Vielleicht kommt am Ende nur ein schwacher Kompromiss heraus, der kleinste gemeinsame Nenner, der nur die akute Not lindert und die Existenzprobleme in die nahe Zukunft verschiebt. Vielleicht aber gelingt auch mehr: der entscheidende Schritt zu einer grundlegenden Reform der Theater.

Die Weimarer Bürger jedenfalls haben ihren Teil zur Überwindung der Krise beigetragen und leidenschaftlich für ihr Theater gekämpft. Zu einer Bürgerinitiative haben sie sich zusammengeschlossen, mit Transparenten demonstriert, böse Briefe ans thüringische Kunst- und Wissenschaftsministerium in Erfurt geschrieben und hitzige Diskussionen im rappelvollen Großen Haus geführt. "84 Prozent der Weimarer stehen zu ihrem Theater", sagt Stephan Märki

"und jeder Dritte geht auch hin."

Wahrscheinlich ist dies das eigentliche Weimarer Modell.