Stephan Märki ist wirklich nicht zu beneiden. Generalintendant am Deutschen Nationaltheater Weimar ist er und ein furchtloser Schweizer.

Zurzeit sitzt er in seinem Büro und tut, was viele Intendanten tun - mit Etatposten jonglieren, Vertragsklauseln studieren, beschwörende Gespräche mit den Mitarbeitern führen. Aber spätestens in ein paar Wochen, wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, wird er sich entweder deprimiert unter seinem Intendantenschreibtisch verkriechen oder an die Öffentlichkeit gehen und ein Stück Deutschland aus den Angeln heben. Mindestens. Er ist nämlich dazu auserkoren, Großes zu vollbringen: Er soll das deutsche Stadttheater retten.

Stephan Märki soll ihm ein Weg aus der prekären Finanzklemme weisen. Soll mit dem ehernen Gesetz brechen, dass die Bühnenkünste eine Angelegenheit des öffentlichen Dienstes zu sein haben. Soll sie vom Kunstverwaltungsunwesen befreien, das in den Apparaten nistet wie der Schwamm in altem Gemäuer. Soll das Gute, Wahre, Schöne wieder freilegen hinter dem Gestrüpp aus Tarifverträgen, Dienstplanverordnungen und Zulagenregelungen. Jetzt oder nie - in Weimar, wo sich Großes doch schon so oft ereignet hat. Schließlich gehören die Theater zum Stolz der Kulturnation: 153 Exemplare stehen davon in Deutschland, so viele wie in keinem anderen Land der Welt.

Weimar als Befreiungsschlag

Eigentlich will Stephan Märki nur sein eigenes Haus vor dem Untergang bewahren. Das traditionsreiche Nationaltheater sollte mit dem Theater in Erfurt fusionieren, weil es wie viele Bühnen in eine finanziell ausweglose Situation geraten ist. Die Subventionen, die das Land Thüringen und die Kommune zahlen, sind seit Jahren auf einen fixen Betrag festgeschrieben. Die Ausgaben für die Belegschaft steigen jedoch kontinuierlich weiter, weil die Gehälter (mit Ausnahme der Sänger- und Schauspielergagen) an die Tarifabschlüsse des öffentlichen Dienstes gekoppelt sind. Die werden zwar von den Arbeitgebervereinigungen aus Bund, Ländern und Gemeinden mit der Gerwerkschaft ver.di (früher ÖTV) ausgehandelt, aber von der öffentlichen Hand nicht mehr zusätzlich gezahlt. Spielzeit für Spielzeit muss der Intendant deshalb eine meist dreiprozentige Lohnsteigerung irgendwo zusammensparen in einem Gesamtetat, der ohnehin schon zu 85 Prozent an Personalkosten gebunden ist und kaum noch Handlungsspielraum lässt. Für die Kunst bleibt deshalb bald kein Geld mehr. Der Apparat wird alles auffressen.

Musiker, Chor und Bühnentechnik sind dann noch da, aber es fehlt das Geld, den Vorhang hochgehen zu lassen. Nicht nur in Weimar droht dieses Szenario, auch in Berlin, an vielen Stadttheatern in den westlichen Bundesländern und im Osten sowieso.

Märki sieht (weil er auf zusätzlichen Geldsegen, von wo auch immer, nicht zu hoffen braucht) nur eine Möglichkeit, dem Dilemma zu entkommen: Die Theater müssen sich abkoppeln von den Flächentarifverträgen des öffentlichen Dienstes. Neue hauseigene Verträge will er mit seinen 400 Mitarbeitern in Weimar abschließen, in denen Gehaltssteigerungen nur dann gezahlt werden, wenn das Theater sie selbst verantworten kann. Verträge, in denen auch die Arbeitszeiten flexibler, kunstfreundlicher und effizienter gestaltet sein sollen. Denn im deutschen Stadttheater muss traditionell jeder Lichtschalter unter strikter Einhaltung aller Tarifbestimmungen umgelegt werden - für Regisseure und Intendanten oft ein Anlass zum Haareraufen. "Wir müssen wieder das Primat der Kunst gegenüber der Macht des Apparates durchsetzen", sagt Märki, und dabei will er Geld und Personal einsparen.