Wer in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, hätte mit einiger Wahrscheinlichkeit intelligenter sein können. Zwischen 1957 und 1980 war die Atemluft so bleivergiftet, dass negative Folgen für die Ausbildung der Hirnfunktionen angenommen werden müssen. Das ist die schlechte Nachricht. Nun die Entwarnung für die U20-Bevölkerung: Heute enthält die Luft unter zehn Prozent der damaligen Belastung. Blei ist in Deutschland als Umweltgift fast erledigt, ein außergewöhnliches Ergebnis der Umweltpolitik - durch die Einführung bleifreien Benzins.

Den Erfolg der Bleireduktion hat das Institut für Küstenforschung des GKSS-Forschungszentrums in Geesthacht bilanziert. Neu ist dabei ein Simulationsmodell, mit dem die Geesthachter Forscher die Belastung in der Luft und im Menschen für die Zeit vor Beginn zuverlässiger Messungen Mitte der siebziger Jahre ermittelt haben. Darin sind nicht nur die bekannten Mengen des mit dem Benzin verbrannten Bleis eingeflossen, sondern auch dessen Verteilung durch Wind und Wetter. Eine Überprüfung der Zahlen an Proben aus einem dänischen Hochmoor zeigte, dass das Simulationsmodell mit der im Moor "archivierten" tatsächlichen Luftbelastung gut übereinstimmt. Die Simulation zeigt den Forschern, wie die Bleikonzentration mit zunehmendem Autoverkehr während der fünfziger und sechziger Jahre anstieg, 1975 ein Maximum erreichte und mit den Beschränkungen des verbleiten Benzins relativ rasch wieder sank.

Heute kommen Belastungen noch in Oberitalien, auf dem Balkan, in der Ukraine und Russland vor. Auch dort ist die Umstellung auf bleifreies Benzin im Gang.

Gesundheitsgefahren durch Blei wurden erst Ende der sechziger Jahre zum Thema. Obwohl sich die Wissenschaft damals über die Gefahr noch uneinig war, beschränkte Deutschland ab 1972 den Bleianteil im Benzin erst auf 0,4 und ab 1976 auf 0,15 Gramm pro Liter. Seit 1988 ist der Bleizusatz völlig verboten.

Großbritannien und Italien folgten zwar bald, in Frankreich verhinderte die Automobilindustrie die Umstellung noch bis Ende der achtziger Jahre. Die Folge zeigt sich an den Kurven der Geesthachter Forscher. Noch 1988 pusteten französische Autos 7500 Tonnen Blei in die Luft, mehr als doppelt so viel wie Fahrzeuge Deutschland, Italien oder Großbritannien.

Inzwischen ist in Deutschland die Bleikonzentration im menschlichen Blut von über 140 Mikrogramm je Liter Mitte der siebziger Jahre auf unter 50 Mikrogramm gesunken. Die Halbwertszeit von Blei im Körper liegt bei über 20 Jahren, da das giftige Metall in den Knochen eingelagert wird. Schädlich ist es nach Meinung von Medizinern aber nur, wenn es im Blut zirkuliert. Bei Kindern, die nach dem Bleiverbot im Benzin geboren wurden, liegt die Belastung nur bei rund 30 Mikrogramm

erst ab über 100 Mikrogramm besteht ein Gesundheitsrisiko, dazu gehören Defizite in der Intelligenzentwicklung im Kleinkindalter. Auch bei Hyperaktivität und Konzentrationsschwierigkeiten steht Blei unter Verdacht. "Blei zielt auf das sich entwickelnde Nervensystem", sagt Gerhard Winneke, Direktor des Medizinischen Instituts für Umwelthygiene an der Universität Düsseldorf.