Es ist eine lange Antwort. 270 Seiten braucht P. J. O'Rourke, um einer einzigen Frage nachzugehen: "Warum wachsen und gedeihen einige Teile der Erde, während andere verrecken?" Die Frage zumindest ist nicht ganz neu - frühere Antworten von Ökonomen und Historikern fielen aber noch länger aus, und selten waren sie so unterhaltsam wie in dem Buch Das Schwein mit dem Holzbein.

O'Rourke ist Journalist, kein Historiker. Er kann gut schreiben, und die Länder, über die er schreibt, hat er mit eigenen Augen gesehen. Auf Kosten des amerikanischen Musikmagazins Rolling Stone erkundete er - mit Adam Smith und Karl Marx im Gepäck - kapitalistische und sozialistische Wirtschaftssysteme, Entwicklungsländer und Orte des Übergangs. O'Rourkes Fragen sind naiv. Das macht das Buch so lesenswert. Seine Antworten sind auch naiv. Das macht das Buch so ärgerlich.

O'Rourke ist respektlos, witzig bis an den Rand des Erträglichen, er hat ein Auge für die Verwahrlosung in Albanien und die Absurditäten der Kapitalismushochburg Hongkong vor der Übergabe an China. Er kann beobachten und das Gesehene so plastisch schildern, dass Leser gern mit ihm auf Reisen gehen. Ins alte Sowjetreich, das den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus zu meistern versucht: "Russland ist der Traum von einer Fallstudie. Das gilt natürlich nur, wenn man zufällig kein Russe ist." Oder nach Shanghai, wenn O'Rourke die Verwunderung über das (offizielle) chinesische Ein-Kind-Programm mit einem sarkastischen Hinweis auf das (faktische) amerikanische Ein-Eltern-Programm relativiert.

Wenn der nach seinen Worten "redselige Ire" in der Transsibirischen Eisenbahn mangels Sprachkenntnis mit niemandem schwätzen kann und leidet, wenn die Kubaner auf ihn erst düster wirken, sich später aber als freundlich und hilfsbereit herausstellen, dann ist er so ignorant wie jeder andere Tourist auch - und er weiß es. Falsche Sentimentalitäten sind ihm aber ebenso fremd wie geheuchelter Idealismus. Westlichen Stadtmenschen, die das Land Tansania besuchen, hält O'Rourke den Spiegel vor: "Warum kümmert es uns, dass die Tansanier so arm sind? Weil uns an den Tansaniern vor allem ihre coolen Tiere interessieren." Pause. "Ich bilde da keine Ausnahme." Das alles ist böse, zynisch, ein bisschen wahr - und nicht ganz ernst gemeint. Auch für O'Rourke sind die Zeugnisse der Armut unerträglich: Wenn er beschreibt, wie selbst billigster Zucker für Tansanier zu teuer ist, wie ein kleines Kind wegen der fehlenden ärztlichen Versorgung stirbt, illustriert das Armut eindrücklicher als jeder Bericht der Weltbank.

Doch O'Rourke will mehr. Er will nicht nur Reiseberichte schreiben, er will zugleich ein politisches Traktat verfassen. Er wandert damit auf einem sehr schmalen Grat und verliert dabei zu oft das Gleichgewicht. O'Rourkes ätzender Humor ist befreiend, mit ihm fegt er alle gut gemeinten Argumente vom Platz, mit ihm reduziert er umständliche Erklärungen auf ihren zu oft doch kümmerlichen Kern. Hat sich aber der Rauch aus der Pistole des Verbalcowboys einmal verzogen, wird deutlich: Auch Schüsse aus der Hüfte lassen - so kunstvoll sie sein mögen - keine Diskussionen zu. Wer nicht schnell genug zieht, verliert.

Ein Problem, wenn die Schlussfolgerungen so platt sind wie in diesem Buch: Der Markt macht's, Wohlstand ist gut, Eigentumsrechte, Bildung und Rechtsstaatlichkeit entscheiden über den Erfolg. So simpel, so schlecht. Nach Ansicht von O'Rourke lässt eine Reise von mehreren Wochen kein Urteil über Russland zu - seine Urteile über die Länder und ihre Wirtschaftssysteme sind dennoch unerbittlich. Da legt er nonchalant die zynische Reaktion amerikanischer Unternehmer auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 bloß - doch seine Unterstützung des Marktes könnte kategorischer nicht sein. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, das Gefühl, dass ein Reisebericht aus O'Rourkes Feder für sich genommen Spaß gemacht und zum Denken angeregt hätte, dass er aber nicht für sich in Anspruch nehmen sollte, die Frage nach dem Wohlstand der Nationen auch beantworten zu können.

P. J. O'Rourke: Das Schwein mit dem Holzbein