Der Frühling ist da. Die Menschen putzen. Haus, Hof - und Auto. Der ADAC empfiehlt wie in jedem Jahr das große Aufräumen. Schneeketten, Scheibenfreisprays, Winterstiefel - raus damit, alles Ballast, alles frisst Sprit. Wir empfehlen: Schmeißt das Ersatzrad gleich mit weg! Es wiegt mehr als 20 Kilo, braucht jede Menge Platz und ist überflüssig wie ein Kropf. Ein Anachronismus aus den Tagen, als Autofahrer noch wissen mussten, was und wo Schmiernippel sind.

Das fünfte Rad am Wagen könnte in zehn Jahren nur noch Metapher sein. Die Ersatzradmulde im Kofferraum wird man dann als ähnlich rätselhaftes Relikt betrachten wie die Hutablage, das Handschuhfach oder den Haltegriff über der rechten Schulter des Beifahrers. Lächerliche Not- oder gar Falträder (ganz kleine, unaufgepumpte Ersatzräder, die man vorzugsweise in Sportwagen wie dem Porsche Carrera findet) markieren lediglich den Anfang vom Ende der Reservereifen liegt in terminaler Agonie.

Seit Jahren stellt Mercedes seine Kundschaft beim Neuwagenkauf vor die Alternative: Spraydose oder Ersatzrad. Und siehe: Zumindest in der C-Klasse haben 42 Prozent der 94 000 verkauften Fahrzeuge nur noch vier Räder. Sie sind mit einem kleinen Kompressor (DIN-A4-Format, knapp zehn Zentimeter hoch) inklusive einer Schaumpatrone ausgerüstet. Der Strom für den Kompressor kommt aus dem Zigarettenanzünder, ein Schlauch wird ans Ventil des defekten Reifens angeschlossen. Dann pumpt man Luft und eine Latex-Kunstharz-Mischung ins Reifeninnere. Beim Fahren bildet sich ein Film, der schnell aushärtet und kleinere Löcher zuverlässig verschließt. Doch auch dieses Equipment hat eher symbolischen Wert - wer wird sich, seit die Hersteller eine Mobilitätsgarantie geben, noch die Finger schmutzig machen?

Ein weiteres Indiz für die schwindende Popularität des Ersatzrades findet man in den Tests der Automobilzeitschriften. Auch die gnadenlosesten Autotester bestrafen das Fehlen des "vollwertigen Ersatzrades" seit zehn Jahren nicht mehr mit Punkteabzug. "In unseren Tests erwähnen wir es, kreiden es aber nicht mehr an", heißt es bei Auto Bild. Die Gründe sind vielfältig. Die Straßen sind besser geworden, herumliegende Nägel seltener. Die Reifen sind mittlerweile High-Tech-Produkte, die ihre Luft erheblich länger halten können als die Gummis der sechziger Jahre. Laut ADAC-Erhebungen rechnet man heute mit einer Reifenpanne alle 150 000 Kilometer. Dem Durchschnittsfahrer stößt so etwas also nur alle zehn Jahre zu.

Der Reifenhersteller Continental geht davon aus, dass sich 85 Prozent der Reifenpannen verhindern ließen. Nur 15 Prozent der Pannen seien die Folge einer "großflächigen Verletzung", eines Schnitts etwa. Meist gehe der Reifenpanne ein schleichender Druckverlust voraus. Zu geringer Luftdruck erhöht aber nicht nur Verschleiß und Verbrauch - liegt der Druck 20 Prozent unter Soll (was man bei Gürtelreifen kaum sehen kann), nimmt die Laufleistung um bis zu 15 000 Kilometer ab. Gefährlich kann es unterhalb dieser Schwelle werden, wenn im Gummi eine desaströse Walk- und Quetscharbeit einsetzt. Und es irgendwann knallt.

Alle zwei Wochen, sagen die Automobilclubs, sollte man deshalb den Druck überprüfen - manch einer schaut jahrelang nicht nach. Doch den nachlässigen Fahrern wird künftig elektronisch geholfen. Für jeden Kinderkram (Wischwasserbehälter leer, Regentropfen, nächster Werkstattbesuch fällig) gibt es schließlich heute Sensoren und Alarmlämpchen - nun auch für den wirklich sicherheitsrelevanten Befüllungszustand unserer Reifen.

Dabei ist diese sinnvolle Technik keineswegs neu. Porsche bot schon 1989 beim 928er Sensoren an, die den Reifendruck überwachten und Abweichungen ins Cockpit meldeten. Bis 1999. "Das Feature war beim Kunden nicht gefragt", sagt ein Sprecher. Man war seiner Zeit voraus, heute gibt es das System nicht mehr. "Doch jetzt ist die Diskussion losgebrochen, wir werden es wieder anbieten."