Ein Meer von Sommersprossen, eine vorwitzige Stupsnase, feine Grübchen, alles in allem die personifizierte Niedlichkeit. Doch etwas geht hier nicht zusammen. Bei Sissy Spacek befinden sich die mädchenhaften Merkmale in einem fast schon aggressiven Widerstreit und ergeben ein eigentümliches Spannungsfeld.

Spacek, das ist die Phänomenologie der amerikanischen Provinz in einem Gesicht. In den Küchen und Vorgärten zwischen Texas und Montana, Kentucky und Oregon erzählen ihre Filmfiguren von den extremen Ausformungen einer zutiefst bigotten, eingerasteten Lebensweise: Ob als Marmelade kochende Mutter, die in Menschen am Fluss am Mythos der aufopferungsvollen Farmersfrau entlang schuftet, als Kniestrümpfe tragende Cheerleaderin, die in Badlands zusammen mit ihrem schießwütigen Freund eine Blutspur durch South Dakota zieht, oder als biedere Chorleiterin, die in ihrem neuen Film In the Bedroom Rache an einem Mörder verlangt - Spacek war nie Symptom des ländlichen Amerika, vielmehr seine widersprüchlichste Verkörperung. Genau das macht ihre Blümchen kleidertragenden, schlaksigen Frauenfiguren so befremdlich und unberechenbar.

Im Grunde ist Spacek zugleich das Gesicht und das andere Gesicht der amerikanischen Ländlichkeit, man muss sich nur anschauen, wie sie in Bruce Beresfords Menschen am Fluss durch das Maisfeld stampft: zielstrebig und doch sinnentleert, wie ein freundlicher Cyborg, der aufs Farmerdasein programmiert ist. Es muss schon so etwas wie Methode dahinter stecken, wenn eine Schauspielerin über drei Jahrzehnte und etwa 20 Filme hinweg den Mythos vom small town America fortschreibt und zugleich dekonstruiert.

Zombies kleine Schwester

Den ersten eindrücklichen Coup landete sie ausgerechnet in der Urmutter aller Provinzserien. In einem Gastauftritt brachte sie als Schulfreundin des ältesten Sohns die regressive Ordnung der Waltons mit einer zielsicheren Frage ins Wanken: "Wann hörst du endlich auf, John Boy zu sein, und beginnst damit, John Man zu werden?"

Danach wurde sie weniger vorlaut in ihren Filmen, und es schien, als habe sie die Gesetze hinter den weißen Gartenzäunen und Glasverandas verinnerlicht.

Aber schon als sie in Terence Malicks Badlands (1973) ihren kranken Aquariumsfisch mit ungeahnter Brutalität auf den Müll warf, ahnte man, dass da noch etwas anderes am Werk war. Einmal zeigt die Kamera sie von weitem im Gegenlicht, wie sie, unschuldig in sich versunken, die klassischen Cheerleader-Tanzschritte probt. Doch durch ihre wie in Zeitlupe überdehnten Bewegungen wird klar, dass sie längst den Blick des sexy Halbstarken auf sich ruhen fühlt, der ihren Vater ermorden und mit ihr abhauen wird.