Welch paradiesische Zustände herrschen in britischen Hospitälern: Morgens rücken die Vampire mit kleinen Köfferchen aus. Sie eilen von Krankenzimmer zu Krankenzimmer und zapfen den Patienten das Blut ab. Diese so genannten Phlebotomisten verstehen ihr Handwerk, keine noch so rollende Vene entkommt ihnen. Das freut nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte, denn die können sich aufs Untersuchen, Diagnostizieren und Aushecken raffinierter Therapien konzentrieren. Den lästigen Routinepapierkram erledigen spezielle Stationsmanager.

Hierzulande zapfen und schreiben die Doctores noch selbst. Kein Wunder, dass in Deutschland neuerdings ein Ärztemangel beklagt wird - bei einer der höchsten Arztdichten der Welt. Und das kam so: Vor rund 15 Jahren tobte ein Krieg. Auf der einen Seite standen die Ärzte, auf der anderen die Schwestern und Pfleger. Kleinere Scharmützel - "Herr Doktor, das Blutdruckmessen ist Ihre Aufgabe", "Schwester, wer hat Ihnen erlaubt, dem Patienten Schlaftabletten zu geben?" - hatten schon länger das Klima vergiftet. Nun zog sich die Schwesternschaft auf ihre ureigensten Pflichten zurück: Pflegen, Pflastern und Versorgen. Ihr Kampfmittel war (und ist) das Argument: "Das ist ärztliche Aufgabe." Blut abnehmen, Formulare ausfüllen, Röntgentüten tragen - alles ärztliche Aufgaben, das lernt schon der Medizinstudent. Weil Behörden, Klinikverwaltungen und Krankenkassen immer mehr Schriftliches fordern, braucht man jetzt immer mehr Doktoren - oder solche, die doppelt so viel arbeiten.

Das neue Geschrei um den Ärztemangel ist die zweite große Chance zur Bettpfannenrevolution. Endlich könnte man den Pflegeberuf aufwerten, statt ihn immer langweiliger zu machen. Denn dieses Land braucht nicht mehr Ärzte, sondern mehr und besser ausgebildete Schwestern.

In Großbritannien tragen Schwestern und Pfleger ihre Arbeitskleidung wie militärische Uniformen. Königsblau für den Stationsmanager, blassblau für die Oberschwester, rosa für den Haushälter. Das Selbstbewusstsein ist entsprechend. Und ausgerechnet die Gesundheitssysteme von Schweden und der Schweiz gelten europaweit als besonders vorbildlich. In Schweden kommen auf 100 000 Einwohner zweieinhalb mal so viele Pflegekräfte wie in Deutschland, in der Schweiz mehr als dreimal so viele.