Es ist Frühling. Fortpflanzungszeit. Eimerweise fluten Hormone durch den Körper. Schmetternd und trällernd melden sich die Sänger zurück. Ihren werbenden Tönen entfleucht man nicht. Sie wollen gehört werden. Denn bald ist Finale, am 25. Mai in Tallinn. Für uns ist beim Grand Prix Eurovision die Schlagersängerin Corinna May am Start.

Glaubt man dem Evolutionspsychologen Geoffrey Miller, so hat die Balz einst den Menschen zum Zeichner, Sänger und Schauspieler gemacht. Nicht der keulenschwingende Sippenchef zeugte in grauer Vorzeit eifrig Nachkommen - der lag nach der Jagd ermattet in den Fellen. Stattdessen erhob nach dem abendlichen Mahl singend der Pfiffige die Stimme, worauf ihm die Steinzeitfrauen um den Hals fielen. Der evolutionäre Kick verwandelte den dumpfen Australopithecus in den hirnlastigen, kreativen Homo sapiens. So verwundert nicht, dass die Gesangselite gern mit jenen Meistern verglichen wird, die genauso hormongesteuert trällernd im Tierreich nach Paarungsvorteilen streben. Auch Vögel pressen, wie es in alten Fachbüchern hieß, "infolge geschlechtlicher Erregung" Luft aus dem Brustkorb und versetzen Membranen in Schwingung. Künstlerische Nähe zum Federvieh drückt sich in Namen und Beinamen aus: Spatz von Avignon (Mireille Mathieu), Spatz von Paris (Edith Piaf), chilenische Nachtigall (Rosita Serrano), Regensburger Domspatzen, Geier Sturzflug.

Dieses Jahr messen sich auch die tierischen Champions aus 21 Ländern im europäischen Songwettbewerb. Bei Bird Eurovison 2002 startet für uns der Zaunkönig. Sein Getriller mit Schnörkel setzte sich national gegen Spatz ("tschilp"), Buchfink ("didididisterwi") und Pirol ("düdlio") durch.

Bis 25. Mai ist im Internet Europawahl (www.birdeurovision.org). Nach einem ersten Ohrenschein zählt der Zaunkönig zum Favoritenkreis. Denn Belgiens Blaukehlchen kommt erst am Ende der Stimmprobe in Fahrt. Der Seggenrohrsänger aus Weißrussland klingt wie eine Kreissäge. Der Malteser Gelbschnabelsturmtaucher grunzt wie ein Seelöwe. Die dänische Feldlerche will zu viel: Hektisch, ohrenbetäubend spielt sie in 31,2 Sekunden ihr Repertoire durch. Estland und Luxemburg bieten aus Fantasielosigkeit die Altmeisterin Nachtigall auf ("ülü, lüüütlüüt watiwati"). Und die ukrainischen Vogelschützer haben es sich zu einfach gemacht: Sie zeichneten im Kuhstall das Geschwätz der Rauchschwalbe auf.

Geheimfavoriten aber sind die Färöer. Sie schicken eine tosende Meeresbrandung ins Rennen. Einzig erfahrene Ornithologen meinen, den Austernfischer herauszuhören. So werden städtische Wähler die Punkte aus Solidarität bestimmt diesem an windgepeitschten Gestaden balzenden Insulaner schenken. Er vermittelt am eindrücklichsten, wie schwierig es in lärmiger Umgebung geworden ist, Minnesang zu intonieren.