Mit seinem eitlen Ingeborg-Bachmann-Hass-Aufsatz zu deren 25. Todestag hat Thomas Kling vor ein paar Monaten eine gute Tat vollbracht. Christine Lavant sei besser als die Bachmann, sagt er da. Das hat neugierig gemacht auf eine Schriftstellerin, die man bisher aus ein paar Anthologien kannte.

Christine Thonhauser heißt sie, 1915 im Kärntner Lavant-Tal, dessen Namen sie als Pseudonym annahm, geboren, als neuntes und letztes Kind einer Bergbauernfamilie, neun Kinder lebten in einem Raum. 1979 ist sie dann gestorben, nach Korrespondenz mit Celan, nach vielen Gedichten, von denen einige Gottfried Benns wunderbar knappen Satz "Gott ist ein schlechtes Stilprinzip" widerlegen.

Lavant, wie sich Thonhauser, die den 20 Jahre älteren Maler Habernig geheiratet hatte, nannte, ist eine religiöse Dichterin, aber streng im Sinn des 20. Jahrhunderts, das heißt als Ketzerin. Kerstin Hensel hat es in einem schönen Lavant-Aufsatz einmal so gesagt: "Bei jeder Perle des Rosenkranzes zählt sie fünf Gottseiverflucht und zehn Aveluzifer." Das heißt: Die Sprache von Lavants Gedichten, oft bildverrückt, ist auch wutoffen wie selten eine.

Und wenn sie als weiblicher Hiob Kärntens ihrem Gott flucht, kann sie so schnoddrig sein wie François Villon selig: "Vergiss dein Pfuschwerk, Schöpfer! / Sonst wirst du noch zum Schröpfer / an dem, was Leichnam ist und bleibt / und sich der Erde einverleibt / viel lieber als dem Himmel."

Lavants Prosastücke gelten als frommer, kitschnah in der Tradition der Geschichten, die man im Lavant-Tal zu hören pflegte, das, bis nach dem Zweiten Weltkrieg, von der Umwelt weitgehend abgeschlossen blieb. Das hat Christine Thonhauser, die Tbc hatte und viele andere Krankheiten, nicht davon abgehalten, als 20-Jährige einen Selbstmordversuch mit "Pulver" zu begehen.

Danach ging sie freiwillig in die Klagenfurter "Landes-Irrenanstalt", vom Euthanasieprogramm der Nazis noch verschont. Sie blieb sechs Wochen lang, vom 24. Oktober bis zum 30. November 1935, ob von vornherein in der Absicht zu schreiben, war nicht klar. Jetzt, mit über 50 Jahren Verspätung, ist ihr deutlich autobiografischer Prosatext Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus aufgetaucht. Dort hat ihre Ich-Erzählerin ein Heft unter dem Kopfpolster, in das sie heimlich schreibt. Lavant selbst erzählt 1951 in einem Brief an ihre österreichisch-englische Übersetzerin Nora Purtscher-Wydenbruck, er sei 1946 entstanden.

Dass der Text erst jetzt aus dem Londoner Nachlass von Purtscher-Wydenbruck erschienen ist, hat damit zu tun, dass Christine Lavant den "frommen Schluss" nicht schreiben konnte, den ihr ansonsten begeisterter Verleger verlangte.