Seit der Terror die Nachrichten dominiert, bergen die Medien für viele Eltern ein Dilemma: Wie viel Realität kann man Kindern in diesen Tagen zumuten, oder soll man bestimmte Dinge von ihnen fernhalten, um den Seelenfrieden nicht zu gefährden? Wie soll man ihnen Anthrax, Afghanistan oder die Rezession erklären, ohne sie zu verunsichern oder zu überfordern?

Die Leser der Washington Post müssen beim Familienfrühstück ihre Zeitung nicht fürchten: Sie können ihren Kindern KidsPost geben - eine spezielle Seite für Acht- bis Zwölfjährige, die montags bis freitags Unerklärliches zu erklären versucht und nebenbei noch unterhalten will.

Als KidsPost vor zwei Jahren gegründet wurde, beherrschte noch ein anderes Thema als Tod und Terror die amerikanischen Nachrichten: Elian Gonzales' Mutter ist gestorben, und sein Vater will ihn zurückhaben. Eine einfache Geschichte? Nein, hieß die Headline über der Geschichte des kleinen Kubaners, der zwischen die Fronten zweier Gesellschaftssysteme geraten war.

Als KidsPost am 10. April 2000 zum ersten Mal herauskam, schien die Sonne über der Hauptstadt, wie der Wettergrafik neben dem Seitentitel zu entnehmen war. Gezeichnet hatte diese - wie seither in jeder Ausgabe - ein Kind. Die Buntstiftzeichnungen unter schlichten Ankündigungen wie Clouds coming oder The sun is back sind allerdings fast die einzigen Beiträge von Kindern auf der Seite. Während die oft lieblos gestalteten oder standardisiert hergestellten Kinderseiten anderer Zeitungen hauptsächlich mit Einsendungen ihres Lesepublikums arbeiten, ist bei KidsPost ein Team hoch qualifizierter Journalisten am Werk. Wir sind, verdammt noch mal, die Washington Post, und irgendein Elf- oder Zwölfjähriger kann nicht einfach für uns schreiben, sagt John Kelly, der leitende Redakteur und kreative Kopf von KidsPost. So wird fast jeder Text von einem Redakteur oder Reporter der prestigereichen Zeitung geschrieben, die seinerzeit die Watergate-Affäre enthüllt hat.

Fünf Planstellen und einen Pauschalistenvertrag ist KidsPost dem Management wert. Das ist eine Menge in Zeiten, in denen in den USA genauso wie in Europa die Auflagen sinken, das Anzeigengeschäft daniederliegt und reihenweise Mitarbeiter entlassen werden. Nur zwei der insgesamt rund 1480 US-Tageszeitungen leisten sich vergleichbar Aufwändiges, was Personal und Umfang betrifft: The Atlanta Journal Constitution und Newsday on Long Island.

In Deutschland macht keine einzige deutsche Tageszeitung fünfmal die Woche Platz für Kinder - allenfalls in den Wochenendausgaben findet sich eine entsprechende Seite.

Ob sich die Investitionen lohnen, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen - nämlich dann, wenn die jetzigen KidsPost-Leser alt genug sind, um die richtige Washington Post zu lesen und zu abonnieren. Die Idee für KidsPost entstand auf einer unserer jährlichen Klausurtagungen für Führungskräfte. Wir haben überlegt, wie wir junge Leute für die Zeitung interessieren und langfristig als Leser gewinnen können, beschreibt Leonard Downie, Chefredakteur der Washington Post, das strategische Ziel. Keine leichte Aufgabe. Denn Zeitungen gelten bei Kindern und Jugendlichen als schrecklich altmodisch und müssen mit Internet, Videospielen und Fernsehen konkurrieren.