Wenn es Nacht wird im Brüsseler Europa-Viertel und die EU-Beamten längst nach Hause gegangen sind, dann brennt unter dem Dach eines schmucken Stadthauses am Boulevard Clovis oft noch das Licht. Dort sitzt ein rundlicher Herr mit Schnauzbart und Brille in seinem voll gestopften Arbeitszimmer und wälzt die Stapel von Verordnungen, welche die Europäische Kommission tagsüber erlassen hat. Es ist Reinhard Bocklet, Bayerns Botschafter bei der EU.

Seitdem Edmund Stoiber seinen ehemaligen Landwirtschaftsminister 1998 als Europa-Minister nach Brüssel entsandte, hat sich Bocklet den Ruf eines der geschicktesten Länderlobbyisten in der Europa-Hauptstadt erarbeitet.

Noch bis Ende der achtziger Jahre begnügten sich die meisten EU-Staaten mit einer nationalen Repräsentanz in Brüssel. Heute drängeln sich dort bereits 160 subnationale Interessenvertretungen. Am besten ausgestattet sind die 16 deutschen Regionalbüros mit jeweils bis zu 30 Mitarbeitern, die wie kleine Staatskanzleien aufgebaut sind und als Schnittstellen zwischen den Landesfürsten und der EU-Zentrale funktionieren. Von Verfassungs wegen dürften sie eigentlich gar keine diplomatischen Beziehungen zur EU unterhalten, für die allein der deutsche EU-Botschafter zuständig ist. Doch sie tun es regelmäßig knapp unterhalb der offiziellen Ebene. Dabei laufen die Wünsche der 16 Bundesländer oft so weit auseinander, dass mancher EU-Kommissar nach der Vorsprache der Länderlobbyisten verzweifelt bei der deutschen Hauptvertretung anfragt, was denn in Gottes Namen die verbindliche Haltung der Bundesrepublik sei.

Die Interessenkonflikte zwischen den deutschen Regionalrepräsentanzen sind nur eine Miniaturausgabe dessen, was in der großen Konkurrenz der 15 EU-Staaten umso heftiger aufeinander prallt. Seit mehr als die Hälfte aller wirtschafts- und innenpolitischen Richtlinien und Gesetze, welche die Nationalstaaten umsetzen, von der EU initiiert werden, verbringen Europas Regierungsmitglieder häufig genauso viel Zeit in Brüssel wie in ihren Hauptstädten. Zum Bermudadreieck aus EU-Kommission, Rat und Europa-Parlament kommen mittlerweile über 100 EU-Ausschüsse und 350 Komitees, die zusammen mit 3000 Interessenvertretungen von Wirtschaft und Verbänden sowie 10 000 Lobbyisten das Regieren in der Europa-Hauptstadt zu einer überaus anstrengenden Veranstaltung machen.

Das Ansehen der Bayern-Vertretung als leistungsfähigste deutsche Föderalniederlassung ist noch gestiegen, seit sie mit der Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers zur provisorischen europapolitischen Generalagentur der CDU/CSU avancierte. Neuerdings drückt Reinhard Bocklet jedem Besucher eine Art Magna Charta der bayerischen Europa-Politik in die Hand, das "Schäuble-Bocklet-Papier". Akribisch hat die CDU/CSU darin ihre Vorschläge für einen Europäischen Verfassungsvertrag zusammengetragen, um Brüssels Zentralmacht zugunsten der nationalen und vor allem regionalen Entscheidungsebene zurückzustutzen.

Solche Papiere und Reformvorschläge pflastern Europas Weg seit den Römischen Verträgen von 1957. Doch jetzt bekommen sie neues Gewicht, weil die bis zur Funktionsuntüchtigkeit überlastete EU mit ihrem jüngst einberufenen Konvent eine Radikalreform ihrer undurchschaubaren Prozeduren und Institutionen anstrebt. Die Ideen für eine europäische Verfassung mit Gewaltenteilung, Kompetenzordnung und Grundrechten stoßen indes auf doppelten Widerstand. Der europäische Rat der Staats- und Regierungschefs wird seine notorische Übermacht in der EU kaum freiwillig aus der Hand geben. Und für die bald mehr als 400 Millionen Unionsbürger bleibt die überfällige verfassungsmäßige Konsolidierung des Brüsseler Großexperiments nur eine Passion politischer Eliten, die hoch über den Köpfen verzischt.

Es herrscht die feste Überzeugung in Europa, dass Brüssel das Zentrum einer bürokratischen Despotie ist, vor deren expandierender Fremdherrschaft nur Angriff und Rückbau schützen. Tatsächlich aber rührt die Regelungswut der EU-Kommission vor allem daher, dass ihr - ähnlich wie dem Europa-Parlament - bislang jede Souveränität und Selbstverantwortung verweigert wird. Die berüchtigten Face-to-Face-Absprachen zwischen den Regierungen führen längst dazu, dass die großen Staaten im Rat an allen anderen EU-Institutionen vorbei schwierige Entscheidungen entweder zu eigenen Gunsten fällen oder jahrelang blockieren.