Mal angenommen, dieses Theaterstück wäre eine Landschaft, die wir oberirdisch als Luftschiffer, unterirdisch als Höhlenforscher erkunden sollten. Was würden wir sehen? Zunächst drei Monologmassive, von deren Höhen sich Dialogströme direkt in die Tiefe des Erdreichs bohren, um dann über Stollen in eine bizarr geformte Halle zu fließen. Und was würden wir hören? Entrückte Stimmen, die sich zu einem Konzert vereinen, zu einer kauzigen Kakofonie, die wahrlich nicht von dieser Welt ist. Erst jetzt würden wir Luftschiffer & Höhlenforscher auch merken, dass uns der aus Estland stammende Jungdramatiker Jaan Tätte nicht nur eine physische, sondern auch eine metaphysische Grenze überschreiten lässt: dass er in seinem Zweiakter Die Brücke zwei Reiche miteinander in Berührung bringt, zwei Zwischen- und Schattenreiche. Die Lebensmüden über Tage treffen auf die halb Toten unter Tage, wobei Letztere - aus Erfahrung klug geworden - Rettungsfahrten nach oben unternehmen, um dem Glück zweier Liebender nachzuhelfen. Henning Bock, der im Stuttgarter Schauspielhaus mit einem präzise agierenden Ensemble die deutsche Erstaufführung des Dramas besorgt hat, umschifft unfallfrei die Monologmassive und hält auch danach mit sicherem Instinkt Kurs. Für die schwermütigen Variationen über das verpasste Leben findet er eine poetisch-skurrile Bildsprache, die auch dann originell bleibt, wenn sie an Vorbilder erinnert: In der Oberwelt trifft Bondy auf Strauß, in der Unterwelt Marthaler auf Pinter, was uns eine Art Betriebsfest mit Hammondorgel im Fegefeuer beschert. Die Brücke sei zum Nachspiel empfohlen - ihr sanfter Eigensinn lässt für zwei Stunden alles Pop- und Trash-Theater vergessen.