Fisch in Zeitungen? Das ist eine Verbindung, die seit Jahrhunderten funktioniert - wenigstens wissen das die Marktfrauen, die für die Meerestiere keine bessere Verpackung kennen als Zeitungspapier. Und sonst? Fisch in Zeitungen: In Island bedeutet das noch viel mehr, so wie Fisch überhaupt in Island fast die ganze Welt bedeutet.

Denn jeder zehnte Isländer ist in der Fischindustrie tätig, und viele der 280 000 Einwohner sind indirekt davon abhängig - so wie der Journalist Hjörtur Gislason. Er leitet die Fischredaktion beim Morgunbladid, Islands größter Tageszeitung.

Montags bis samstags ist Gislason damit beschäftigt, den Isländern Fisch aufzutischen. Keine andere Tageszeitung leistet sich Redakteure, die nur dieses eine Thema behandeln. Wenn Gislason darüber spricht, guckt er ein bisschen stolz und schürzt seine Lippen wie ein Karpfen - ein Süßwasserfisch, der mit Island natürlich gar nichts zu tun hat. Neben Gislasons Computer steht ein Kunststofffisch, der wie eine Angeltrophäe auf einem Brett befestigt ist und auf Knopfdruck singt und tanzt. An der Wand seines Büros hängt eine Fotoserie von sich paarenden Kapelanen, Lachsfischen, die man auch Lodde nennt. Nur ein Aquarium, das fehlt.

Gislason und sein Kollege Helgi Mar Arnason schreiben über neue Methoden des Fischfangs und der Fischverarbeitung und erstellen Statistiken über die Fänge der größten Boote (derzeit führt Skinney mit 137 vor Oddgeir mit 82 Tonnen). Im Schnitt füllt die Fischberichterstattung ein bis zwei Seiten.

Donnerstags erscheint eine 10 bis 20 Seiten starke Beilage, die immer dasselbe Thema hat: Fisch und Wirtschaft. Die aktuelle Ausgabe macht mit einem Artikel über Fischereimanagement auf, daneben steht ein Kommentar Gislasons zu einer möglichen EU-Mitgliedschaft Islands. Natürlich lehnt er einen Beitritt ab - das gehört unter seinen Landsleuten zum guten Ton. Zu groß sind die Befürchtungen, dass spanische und britische Trawler den Isländern in ihren eigenen Gewässern die Haupteinnahmequelle streitig machen könnten.

Dem Fisch verdankt Island 60 Prozent seiner Exporteinnahmen. Und damit einen Lebensstil, zu dem es gehört, die neuesten Geländewagenmodelle aus Deutschland und Fernost durch die Straßen Reykjaviks zu fahren. Das Glas Bier für 500 isländische Kronen (ungefähr sechs Euro) könnte sich ohne die Fischindustrie auch keiner leisten. Und der McFish Deluxe bei McDonald's für 649 Kronen wäre nicht so köstlich. Das sind die besten Fishburger der Welt, urteilt der Experte Gislason.

Isländische Fischer verdienen überaus gut: Bis zu 80 000 Euro allein in der etwa zehnwöchigen Kapelan-Saison, was zeigt, dass Fotos von Kapelanen an den Wänden seriöser Zeitungsredaktionen ihre Berechtigung haben. Obwohl die Fischer zu den Besserverdienenden des Landes gehören, sind sie nicht immer zufrieden: Wir bekommen oft Leserbriefe, in denen Fischer klagen, dass ihnen eine zu geringe Fangquote zugeteilt wurde, erzählt Gislason. Weil die Fischbestände geschützt werden sollen, hat die isländische Regierung vor einigen Jahren beschlossen, dass jedes Boot nur eine begrenzte Menge fangen darf. Seither ist das Quotensystem eines der meist diskutierten Themen auf den Fischseiten des Morgunbladid.