Egal, wer am Samstag deutscher Fußballmeister wird - es ist das Ende einer Ära. Nein, nicht der von Bayern München. Es geht um mehr als eine Mannschaft, die ihre beste Zeit gesehen hat. Es geht um das Wesen dieses Sports, in dem wir mehr zu erkennen glauben als 22 Leute, die einem Ball hinterherlaufen. Bislang klammerten sich Fußballromantiker an eine Weisheit des Trainergurus Otto Rehhagel. "Geld schießt keine Tore", behauptete er trotzig auch dann noch, als die Clubs bereits zweistellige Millionenbeträge für mittelmäßige Spieler zahlten. Als er mit dem Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern 1998 Meister wurde, schien Rehhagels Gesetz eindrucksvoll bestätigt

mit Selbstvertrauen, Disziplin und einem Motivationsschamanen als Trainer düpierte eine Billigtruppe die Superreichen der Liga. Rehhagels Gesetz war der Garant dafür, dass das Spiel durch Einsatz von Geld nicht korrumpiert, nicht berechenbar werden kann

in ihm scheint all die Irrationalität aufgehoben, dem der Fußball seine Faszination verdankt. Jeder kann es schaffen - das große Versprechen von sportlichem und sozialem Aufstieg verleiht jedem Spiel eine existenzielle Bedeutung. Doch nun heißt es Abpfiff für diese idealistischen Träumereien.

Denn so turbulent das diesjährige Saisonfinale anmuten mag - in Wahrheit folgt es mit kalter Konsequenz dem nunmehr gültigen Gesetz: Geld schießt Tore. Mit Borussia Dortmund steht die Mannschaft ganz oben, die am meisten für neue Spieler ausgegeben hat, 54,5 Millionen Euro. Bayer Leverkusen steht dort, wo es nach der Investitionsrangliste auch hingehört: Rang zwei. Alle Tabellenplätze, die im nächsten Jahr zur Teilnahme am internationalen Geschäft berechtigen, also hinab bis zu Rang sechs, sind gemäß der Investitionsrangliste vergeben. Einzige Ausnahme: Kaiserslautern, nach Investitionen Sechster, ist Siebter, um nur zwei Tore übertroffen vom einzigen nennenswerten Gesetzesbrecher, dem Geldzwölften Werder Bremen (der übrigens 14 Jahre lang von Otto Rehhagel trainiert wurde). Auch am Tabellenende hat das neue Gesetz sich traurig bewahrheitet: Der SC Freiburg, die große Hoffnung, dass die Freude am Spiel über den Kommerz triumphieren kann, hat nichts investiert - und steigt nun ab. Und der beste Torschütze ist auch der teuerste: Marcio Amoroso, für den Dortmund 55 Millionen Mark zahlte.

Erfolg darf, muss ab sofort als käuflich gelten. Nicht jeder Leistungsbereite kann es schaffen, sondern nur, wer sich was leisten kann. Wird das unseren Glauben an den Fußball, diese einzige echte Weltreligion, erschüttern? Wohl kaum. Wir kompensieren die neue Berechenbarkeit des Spiels durch eine nochmals gesteigerte Bereitschaft zum Selbstbetrug, so wie ja auch unsere lebenslange Zuneigung zu einem Verein jeder Logik entbehrt. Doch aus Gründen der Identitätsbildung müssen wir die internationalen Söldnertruppen in hemmungslosem Lokalpatriotismus zu "unserer" Mannschaft stilisieren, auch wenn Einheimische darin gerade noch als Platzwart oder Trikotwäscher eine Chance haben. Mit dem neuen Gesetz des Fußballs werden wir wohl ein ähnliches Spielchen treiben. Oder es mit uns.