Im geräumigen Arbeitszimmer der Physikerin steht ein Kleiderständer, Bauart Amtsstube. Es ist ein wackeliges Möbel. Hängt man eine schwere Lederjacke an einen der oberen Haken, neigt es sich bedrohlich zur Seite.

Sekundenbruchteile vor dem Kippen nimmt sich Johanna Stachel, Bundesverdienstkreuzträgerin und preisgekrönte Kernforscherin des Physikalischen Instituts in Heidelberg, der Schwierigkeit an. Sie ist hartnäckig, balanciert so lange mit der Jacke des Besuchers auf einer weiter unten gelegenen Hakenreihe herum, bis sich der Kleiderständer in einer halbwegs stabilen Lage der Schwerkraft entgegenstemmt. Man könnte sagen: Die Professorin liebt das Experiment und einfache Lösungen.

Vielleicht aber sollte das Manöver auch nur die Anspannung des ersten Kontakts mindern. Physiker und Mathematiker, heißt es, sind kontaktscheue, dröge Typen. Meistens Männer, die blass in neonbeleuchteten Stuben hocken und dort Dinge ergrübeln, die Laien ohnehin nie verstehen werden. Johanna Stachel sitzt im Zentrum dieses Vorurteils. "Man muss sich den guten Willen der normalen Bevölkerung erhalten, indem man ihr zeigt, dass die Forschung spannend ist", sagt sie. Leider aber seien diejenigen, die am meisten von der Sache verstünden, oft nicht in der Lage, "das auf einem leicht verdaulichen Niveau rüberzubringen". Ihr Thema ist das Quark-Gluon-Plasma. Laut Pressemitteilung ist sie "eine herausragende Forschungspersönlichkeit" auf ihrem Gebiet.

Der Urknall im Labor

"Wissen Sie, was ein Plasma ist?", fragt sie. Das ist ein sehr heißes Gas, in dem Elektronen nicht mehr die Atomkerne umkreisen, sondern sich frei bewegen.

Das Innere von Sternen besteht aus Plasma. Das Quark-Gluon-Plasma ist die Steigerung dieses Zustandes ins Extreme, eine sehr seltsame Form der Materie.

Unter noch mehr Hitze und viel mehr Druck werden auch die Atomkerne und sogar die darin enthaltenen Teilchen geknackt. Die "Bausteine der Kerne, Protonen und Neutronen, verlieren ihre Identität", schrieb die Heidelberger Pressestelle, die im November vergangenen Jahres begründen wollte, weshalb die Professorin den mit 500 000 Mark dotierten Lautenschläger-Forschungspreis gewann. Übrig bleiben frei schwebende Quarks, sozusagen die elementarsten Elementarteilchen, und ihr Klebstoff, die Gluonen. Dieser Zustand hat in der Natur nur einmal, kurz nach dem Urknall, existiert.