Wo anfangen? Beim Stuck? Bei den Lüstern, Büsten, Tapeten oder Säulen?

Nein! Das Bristol wirkt am allerbesten vom Fahrstuhlschacht aus. Einem Schacht, der zu den schönsten der Welt gehört. Schon bei der Eröffnung vor mehr als 100 Jahren gerieten die Kritiker angesichts dieses Juwels der Industrie in echte Verzückung. Und noch heute gehört das Einschweben in die Art-Nouveau-Lobby zu den eindrucksvollsten Momenten eines Aufenthalts am Königsweg in Warschau. Schmiedeeiserne Blumen ranken auf dem gläsernen Aufzug, Blüten zieren die Balustrade, und ein Pflanzenfries ist auch auf die Decke der Empfangshalle getupft.

Otto Wagner, Wiener Sezessionist und Innenarchitekt des Hotels, war ein Bewunderer von Gustav Klimt - und wer von einer Nacht mit dessen Danae träumt, liegt im Bristol goldrichtig. Die Zimmer sind großzügig und mitunter etwas üppig. In den Suiten weiß man vor lauter Sitz- und Ruhegelegenheiten kaum, in welches der Möbelstücke man eigentlich sinken soll. In einer Stadt wie Warschau, die ansonsten mit Wärme und Geborgenheit eher geizt, sind solche Zärtlichkeiten ebenso erholsam wie verführerisch.

Wer sich trotzdem losreißen kann und seinem Boudoir entkommen möchte, findet in der so genannten Säulenbar Unterschlupf. Einem herrschaftlichen, vornehm eingerichteten Raum, der genug Intimität ausstrahlt, um hier diskret mit Geschäftspartnern zu diskutieren. Etwas weniger einladend ist das Fitnessstudio, das - seien wir mal ehrlich - selbst im Keller eines solchen Hauses eigentlich nichts zu suchen hat.

Besonders elegant gibt sich das Bristol im preisgekrönten Restaurant Malinowska, einem überaus hellen, geradezu minimalistischen Saal, der ganz ohne Fenster auskommt und rundherum himbeerfarben tapeziert ist. Spätestens wenn man an einem seiner wenigen Tische sitzt, wird einem klar, warum Warschaus erste Hoteladresse seit je dafür gelobt wird: Es ist die vorzügliche französische und polnische Küche, und es ist sein freundliches und professionelles Personal.

Das Bristol oder Royal Méridien Bristol, wie es heute heißt, ist mit seinem Interieur, seiner Fassade und Rotunde alles auf einmal: Wahrzeichen, Institution und Denkmal. Schließlich ist es das einzige Hotel Osteuropas, dass zur Vereinigung der Leading Hotels of the World gehört. Einst vom Starpianisten und späteren Premierminister Ignacy Jan Paderewski inmitten des Universitäts- und Regierungsviertels gegründet, zog das Nobelhotel viele berühmte Leute in seinen Bann: Enrico Caruso wohnte hier, auch Edvard Grieg oder Richard Strauss. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte das Bristol zu den wenigen Gebäuden in Warschau, das der Zerstörung durch die deutschen Truppen entging. Immer wieder trafen sich hier Künstler, Musiker und Politiker, und ganz langsam wurde das Hotel zu einem polnischen Symbol. Daran haben weder die zahlreichen Umbauten noch die sozialistischen Umbenennungsversuche je etwas ändern können. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten erstrahlen Hotel, Café und Fahrstuhl seit 1993 wieder im Art-Nouveau-Stil und versetzen seine Gäste auch nach 100 Jahren noch in jenen Schwebezustand, den lediglich ein Juwel der Industrie zu erzeugen vermag.

Le Royal Méridien Bristol, 42/44 Krakowskie Przedmiescie, Warschau, Tel.