In der Sandkiste nimmt sie ihren Anfang, und am sommerlichen Strand treibt sie die größten Blüten: die Leidenschaft fürs Bauen. Doch zum Entsetzen vieler Häuslebauer weisen nicht nur die Burgen aus Muscheln, Sand und Salzwasser schnell Verfallserscheinungen auf, sondern auch die Lebensinvestition Haus. Der letzte Bauschadenbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 1996 beziffert die jährlich im Neubau auftretenden und vermeidbaren Bauschäden auf mehr als 3,4 Milliarden Euro. Sechs Jahre später, so ist aus dem Berliner Bauministerium zu hören, ist das Schadenvolumen eher noch gestiegen.

Eine gewaltige Summe, die sich durch den Einsatz natürlicher Baustoffe zumindest in Teilen vermeiden ließe, sagt Nicole Richardson, Vorstand des im fränkischen Lauf ansässigen Berufsverbandes Deutscher Baubiologen. "Allein durch Schimmelbefall entstehen jedes Jahr Bauschäden in einer Größenordnung von 1,7 Milliarden Euro", schätzt die Baubiologin. Der gesundheitsschädliche Wohnungspilz findet dort einen Nährboden, wo Feuchtigkeit nicht entweichen kann. "Dafür sorgen zum Beispiel synthetische Farben, mit denen die Innenwände gestrichen werden", erklärt Richardson. Auf diese Weise werden die Wände versiegelt, die Luftfeuchtigkeit kann nicht aufgenommen werden.

"Mineralische Farben auf Kalkbasis sind dagegen stark schimmelpilzhemmend."

Sie sind atmungsaktiv, können Luftfeuchtigkeit speichern und auch wieder abgeben. Der Fachbegriff dafür: Diffussionsoffenheit. Diese sorge, so Richardson, für ein besseres Raumklima, das sich positiv auf das Wohlbefinden der Hausbewohner auswirke.

Dennoch fristen solche Öko-Couleurs am deutschen Farbenmarkt nur ein Schattendasein. "Das Marktvolumen der Naturfarben und natürlichen Anstriche in Deutschland bewegt sich derzeit bei 70 bis 80 Millionen Euro", schätzt Klaus Kuhn, Geschäftsführer der Ecotec Naturfarben GmbH aus dem sauerländischen Lüdenscheid. Verglichen mit den über zwei Milliarden Euro, die jährlich in Deutschland für Farben im Bau ausgegeben werden, kommt das Natursegment gerade einmal auf einen Marktanteil von gut drei Prozent. Kuhns Ecotec, die unter dem Namen Holzweg unter anderem Farbpigmente zum Selbermischen anbietet, gehört mit fünf Millionen Euro Jahresumsatz schon zu den Großen der Branche.

Ein ähnliches Nischendasein fristen auch alle anderen Ökobaustoffe. Von Materialien zur Wärmedämmung wie Flachs, Hanf oder Zellulose über Biolacke und natürliche Öle bis zu Bodenbelägen aus Vollholz - nach wie vor zählt bei den Baustoffen in Deutschland vor allem eines: der Preis. Und der ist bei herkömmlichen Baustoffen unschlagbar. "Im Preisdumping der Baubranche können und wollen wir nicht mitbieten", erläutert Naturfarben-Profi Kuhn. Ein Massenprodukt werde die Naturfarbe nie, prognostiziert er. Dennoch traut Kuhn ihr in den kommenden zehn Jahren eine Vervierfachung des Umsatzes zu. Grund für die positive Einschätzung: Das Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher nimmt kontinuierlich zu. Und Ökofarben und andere Naturbaustoffe haben sich der Volldeklaration verpflichtet: Auf der Packung steht drauf, was drin ist - eine bei konventionellen Baustoffen bisher kaum angewandte Praxis. "Es geht längst nicht mehr um die Ökologie. Die Strickstrumpfmentalität bei Naturbaustoffen ist passé. Die Käufer interessiert vor allem das Design und das Thema Gesundheit", sagt Kuhn. Mit einer Naturfarbe, die an die Wand gewischt werde, eine individuelle Atmosphäre erzeuge und keine synthetischen Lösungsmittel ausdünste, sondern nach Zitrusfrüchten dufte, ließen sich neue Kundengruppen ansprechen.

Horst Kliebe, Vorstand des Frankfurter Fachverbandes ÖkoPlus, eines Zusammenschlusses von rund 50 Ökobauhändlern, stimmt solchen Einschätzungen zu. "Der Komplex Gesundheit und Allergien wird in Zukunft in der Baubranche immer wichtiger werden", glaubt er. Die Frage sei nur, wann der große Aufschwung einsetze, der schon in der Vergangenheit immer wieder prognostiziert worden sei. Kliebe schätzt den jährlichen Umsatz des Ökobaustoffhandels in Deutschland auf zurzeit rund 400 Millionen Euro. Das sind lediglich zwei Prozent des gesamten deutschen Baustoffhandels. "Bis 2010 kann dieser Anteil auf bis zu zehn Prozent steigen."