Wer sich heute ein umfassendes Bild über die CDU-Parteispendenaffäre machen wollte, würde sehr schnell scheitern, konstatierte die Süddeutsche Zeitung im Herbst 2001. Das Thema ist, so scheint es, tatsächlich abgehakt, die Medienkarawane weitergezogen, die Öffentlichkeit interessiert anderes. Im internen Sprachgebrauch der CDU wird der Schwarze-Kassen-Sumpf der Partei nur noch als "die schwierige Situation damals" bezeichnet. War da was?

Dass da was war, hat den Kohl-Biografen Klaus Dreher umgetrieben. Ihn störte, dass der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages vor Helmut Kohls "Unbelehrbarkeit des Selbstgerechten kapitulierte". Unter dem Titel: Kohl und die Konten. Eine schwarze Finanzgeschichte vervollständigt Dreher jetzt seine 700 Seiten umfassende Kohl-Biografie Leben mit Macht. Letztere sollte gelesen haben, wer sich mit der Parteispendenaffäre der CDU befasst. Denn Drehers Nachtrag zur eigenen Kohl-Biografie liefert zwar eine demaskierende Charakterstudie des Exkanzlers, seine Thesen zum Finanzskandal der CDU und zur Frage, ob Regierungsentscheidungen der Kohl-Ära käuflich waren, bleiben jedoch diffus und teilweise nur anrecherchiert.

Dennoch ist Drehers Buch interessant, weil es Aufschluss darüber gibt, was Helmut Kohl veranlasst hat, seine illegale Spendenpraxis über Jahre systematisch zu betreiben. Drehers Fazit: Kohl war zwar nicht korrupt, bereichert hat er sich dennoch, und zwar persönlich: an der Macht und durch die Macht. "Kohl definierte sich ausschließlich durch die Macht, sie war sein Lebenselexier, und das Instrument, sie zu erhalten, war die Partei." Wem dieses Elixier abhanden kommt, so Drehers Gedanke, der könne nicht weiterexistieren. Also lasse er nichts unversucht, dies zu verhindern.

Wenn der Preis der Machtsicherung Kohls darin bestanden habe, dass er seine Partei nötigte, jahrelang im bewussten Vorsatz gegen die Verfassung zu verstoßen, dann habe die CDU diesen Preis bedingungslos gezahlt. Mit illegalen Mitteln und durch ständige bewusste, kühl kalkulierte Gesetzesbrüche habe Kohl sich die Loyalität seiner Partei gekauft. Das habe er skrupellos und mit illegalen Spenden getan.

Als Beweis führt Dreher den Bremer Parteitag 1989 an. Damals habe Kohl die Delegierten auf seine Seite gebracht, um so die parteiinternen Widersacher um Heiner Geißler und Lothar Späth abzuservieren. Der Kanzler "kaufte und bestach die Partei", schreibt Dreher. Die Ausschließlichkeit, mit der dies behauptet wird, lässt allerdings außer Acht, dass der Taktiker Kohl durchaus auch ohne finanzielle Zuwendungen an die Parteitagsdelegierten den Machtkampf mit seinem "General" wagen konnte. Dreher beschreibt Kohl als einen Politiker, bei dem die zwanghafte Angst vor dem Machtverlust "seelische Deformationen" produzierte. Er habe "als Pate" noch nach seinem Sturz die Macht gehabt, der Partei das "mafiöse Prinzip der Omertà" aufzuzwingen.

Als Charakterstudie des Helmut Kohl liest sich Drehers Buch spannnend und entlarvend zugleich. Bei der Frage, ob bei Regierungsentscheidungen interessierte Kreise sich mit Geldspenden Vorteile verschafft haben, geht das Werk jedoch nicht in die Tiefe. Ein umfassendes Bild über die CDU-Affäre bietet es nicht.

Klaus Dreher: Kohl und die Konten