Kim Barber macht sich Sorgen. Mehr als zehn Jahre lang war sie Crack-abhängig. Vor zwei Jahren hat sie endlich den Absprung geschafft und arbeitet in einem städtischen Programm zur Reintegration vorbestrafter Jugendlicher. "Doch durch meine Sucht habe ich das Leben meiner Kinder ruiniert", sagt die 35-Jährige. Ihre Tochter Rockkell (9) und ihr Sohn Travis (11) sind so genannte Crack-Babys. Sie leiden unter Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität - und mit großer Wahrscheinlichkeit sind diese Symptome auf den Drogenkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen.

Mitte der achtziger Jahre breitete sich der Crack-Konsum in amerikanischen Großstädten aus wie eine Epidemie. Eine Million Kinder wurden seitdem geboren, die der Droge schon im Mutterleib ausgesetzt waren. Häufig fielen das wesentlich geringere Gewicht und ihre besonders kleinen Köpfe auf. Die Babys reagierten auf jede Berührung mit Geschrei und entwickelten mit zunehmendem Alter schwere Verhaltensstörungen.

Auch in Deutschland wurden bereits die ersten Crack-Babys geboren. Noch handelt es sich um Einzelfälle, doch dabei wird es nicht bleiben, befürchtet Christian Haasen vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung an der Universität Hamburg. "Bislang weiß ich von fünf Fällen in Hamburg. Doch diese Angaben stammen aus dem vergangenen Jahr, und ich schätze, dass die Zahl der Crack-Babys mittlerweile auf 10 bis 20 Kinder gestiegen ist." Und weiter steigen wird, denn die Zahl der Crack-Konsumenten nimmt stetig zu. Da deutsche Ärzte bisher kaum Erfahrungen mit Konsumenten oder ihren Kindern haben, müssen sie sich an ihren amerikanischen Kollegen orientieren.

In den USA reagierte die Öffentlichkeit mit Entsetzen auf das Phänomen der Crack-Babys. Da die Droge Süchtige unberechenbar und aggressiv werden lässt, spekulierten Ärzte und Psychologen über die Möglichkeit angeborener Verhaltensstörungen bei den Kindern. Von "Crack-Monstern" berichteten die Medien.

Tatsächlich sind die Kinder der Crack-Abhängigen oft schwer verhaltensgestört, doch es fehlen Langzeitstudien über die Wirkung der Droge auf ungeborenes Leben. Unter den Fachleuten schwelt ein klassischer Streit: Eher sozial engagierte Mediziner glauben, Verelendung und Mangelernährung der Crack-Kinder seien die Ursache. Neurologen dagegen führen die Verhaltensänderungen auf Crack-Schäden im wachsenden Gehirn des Fötus zurück.

Vergangene Woche erschien im amerikanischen Fachblatt JAMA eine Studie, welche die These von direktem Hirnschaden durch Crack untermauert. Die Kinderärztin Lynn Singer von der Case Western University in Cleveland hatte 415 Kinder aus vergleichbar elenden Verhältnissen untersucht. Eine Hälfte war in der Schwangerschaft dem üblichen Cocktail aus Alkohol, Nikotin und anderen Drogen ausgesetzt, die andere musste zusätzlich Crack verkraften. In beiden Gruppen fanden sich extrem viele mental zurückgebliebene Kinder - die Crack-Kinder waren jedoch doppelt so häufig betroffen wie die der Kontrollgruppe.

Auch die pädiatrische Neurologin Claudia Chiriboga von der Columbia University in New York führte über Jahre neurophysiologische Untersuchungen an betroffenen Kindern durch. Sie stellte fest, dass die Kinder Störungen ihrer psychomotorischen Erregbarkeit aufweisen. Dabei finde eine Vorverlagerung des switch point statt, jenes Zeitpunkts, an dem das Verhalten der Kinder von einem Zustand rationalen Handelns in eine Phase unkontrollierbarer Triebhaftigkeit umschlägt. Dann gewinnen ihre Instinkte die Oberhand, und es gibt nur noch zwei Möglichkeiten: Flucht oder Kampf.