Das Bemerkenswerte an diesem Buch ist, was auf seinen 1248 Seiten alles nicht gesagt wird. Das Kunststück bringen 20 hochrangige ehemalige Stasi-Offiziere zuwege, die nach zwölf Jahren historischer und politischer Aufarbeitung der DDR-Diktatur nun mit großem Aufwand (vor allem an Papier) zur Gegenaufklärung ausholen. Für das einstimmende Vorwort konnten sie dabei keinen Besseren finden als den Potsdamer Anwalt Peter-Michael Diestel, der sich seit Jahren unermüdlich um sie verdient macht und auch hier mit einem Plädoyer für seine der Wahrheit verpflichteten, ritterlichen und fairen, doch verleumdeten, verfolgten, ausgegrenzten, geächteten und desavouierten MfS-Mandanten gegen Horrorvisionen und Stasi-Hysterie (alles Zitat Diestel) verteidigt und generalisierend konstatiert, das Ministerium für Staat ssicherheit in toto sei nun, wie ihm scheine, rehabilitiert.

Auch Erich Mielkes Generäle und Obersten a. D. bleiben bei der ihnen vertrauten Terminologie und der früheren Methode, Belastendes auszublenden oder als in Auftrag gegebene Lüge abzutun, alles in ihr altes Weltbild Passende und sie Entlastende jedoch ausgiebig zu zitieren. Dabei ignorieren sie weitgehend den erreichten Forschungsstand der historischen Aufarbeitung der DDR-Diktatur und bezeichnen diese Bemühungen durchgängig als: Hexenjagd, infame Verleumdung, Rache, Diskriminierung, Demagogie und gar Denunziation.

Auch schreiben sie, was tief blicken lässt, die folgenden Begriffe grundsätzlich und durchgängig in Anführungszeichen: Unrechtsstaat, politische Repression, Flucht, Vergangenheitsbewältigung, Dissident, Täter und auch Opfer. Neben Behauptungen, die nach der Entmachtung dieser Herren durch die Geschichte allenfalls als schlechte Witze durchgehen könnten (zum Beispiel: Tatsache sei, dass sich die Bürger der DDR in ihrem Land mehrheitlich sicher gefühlt haben), stehen allerdings auch Ungeheuerlichkeiten wie diese: Das Stasi-Syndrom habe inzwischen mehr Todesopfer gefordert als die Mauer. Oder: In der heutigen Bundesrepublik gebe es "fast täglich Beispiele für Zersetzung mit zum Teil schwersten Folgeerscheinungen für die Betroffenen - weit mehr, als das gesamte MfS in 40 Jahren seiner Existenz jemals hätte leisten können".

Die Differenz zwischen Demokratie und Diktatur wird nivelliert und munter gleichgestellt. Die Staatssicherheit sei doch nichts anderes gewesen als der heutige Verfassungsschutz, die Stasi-Haftanstalten ganz normale Gefängnisse wie allüberall auf der Welt und so weiter. Nur in einem Punkt, und das ist wirklich neu an dieser Neuerscheinung, bestehen sie, und zwar prinzipiell, auf einem gravierenden Qualitätsunterschied - ausgerechnet bei ihren Spitzeln: Ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, der in der Regel "eine überzeugende politisch-moralische Legitimation und Motivation" besessen habe, sei niemals gleichzusetzen mit einem aus Geldgier, Rachsucht oder Missgunst handelnden V-Mann.

Die Fehler, die sie, laut Diestels Vorwort, so generös einräumen, beschränken sich auf drei Stereotype. Das sind zum Ersten die Schuldzuweisungen an die SED-Führung, auf innenpolitische Probleme nicht politisch, sondern repressiv und administrativ reagiert zu haben, was nicht ganz falsch ist, die ehemaligen Genossen Tschekisten jedoch auch wunderbar entlastet. Nicht wir sind's, Erich Honecker ist's gewesen, non mea culpa. Außerdem wird, sehr verhalten, eine gewisse Mitverantwortung am Desaster angedeutet, doch sei allenfalls ein Unterlassen, den Weisungen der SED nicht widersprochen zu haben, selbstkritisch anzumerken, keineswegs ein aktives Handeln, denn das sei jederzeit verfassungskonform und auf Frieden, Entspannung und Humanität gerichtet gewesen. So haben die Herren nichts zu rechtfertigen und finden auf den 1248 Seiten lediglich zu einem einzigen Satz, der als eine Art Entschuldigung gelten könnte: "Wir bedauern es, wenn Personen ungerechtfertigt von repressiven Maßnahmen des MfS betroffen waren." Wenn - das heißt: sollte unter Umständen, möglicherweise überhaupt wer betroffen gewesen sein.

Da ist, zum Zweiten, der für sie tatsächlich sehr bedauerliche Fehler, den Niedergang der DDR nicht aufgehalten zu haben, doch sei man von der SED-Führung und auch vom brüderlichen KGB schnöde im Stich gelassen worden.

Die dritte Art, einen Fehler zuzugeben, ist freilich dreist: Hier bedauern die Autoren wiederholt expressis verbis, im Endstadium viel zu wenige Akten vernichtet zu haben. Sie zitieren ellenlang aus den einstigen Dienstanweisungen, Richtlinien und Befehlen, und das durchaus so, als könnten die Autoren auch heute noch dem Wohl der Menschen dienen, wenn sie nicht der Weltwind aus ihrem Ministerium geblasen hätte. Einigermaßen lesbar sind allein die Aufsätze zu den eher technischen Bereichen, wie etwa der funkelektronischen Aufklärung, im Gros jedoch sind es die alten ideologischen Wortgirlanden, die einst das freie Atmen so erschwerten.