Es scheint, als habe jede Epoche der Musik eine Fanfare, die sie einleitet: der berühmte Tristan-Akkord, mit dem Wagner die klassische Harmonielehre aushebelt, die Hornquarten von Arnold Schönbergs Kammersinfonie, die eine neue Zeit der Melodie signalisiert oder der Orchesterschlag, mit dem Pierre Boulez seinen Zyklus Pli selon pli eröffnet. Ein gewaltiger Schlag, dem eine ruhevolle Musik folgt. Pli selon pli - Falte um Falte - ist ein Zyklus von fünf Stücken über Gedichte von Stéphane Mallarmé.

1957 hatte Boulez begonnen, an der ersten von drei Improvisationen sur Mallarmé für Sopran und Orchester zu schreiben, 1962 war er weitgehend fertig. Aber nichts ist je fertig bei Boulez, kein Stück, das nicht überarbeitet (und das heißt immer: zu einem neuen Werk gemacht worden wäre), keine Einspielung, die nicht durch eine deutlichere, klarere ersetzt worden wäre. Und von seinem Schlüsselwerk der frühen Zeit macht er alle zehn Jahre eine Produktion. Die neueste, bei der Grammo erschienen (Deutsche Grammophon 471 344), mit der Sopranistin Christine Schäfer und dem Ensemble Intercontemporain hat hinsichtlich Klangdifferenzierung, Farbenreichtum und Prägnanz bislang nicht ihresgleichen.

Man wird die Musik kaum eine Vertonung nennen können, dazu ist sie zu selbstständig: Der Text ist eigenwillig zerrissen, eigenmächtig überwuchern die Instrumente den Gesang. Fernab aller Vorbilder hören wir einen Komponisten auf der Suche nach Ausdrucksmitteln für seine Gegenwart. Die Resultate waren atemberaubend abstrakt, ebenso kühl wie von planetenferner Fremdartigkeit: der Klang der Moderne. Der Dichterfreund von Boulez, Michel Butor, beschreibt ihn anhand von Tombeau, dem Abschlusssatz des Zyklus: "Hier erhebt sich allmählich ein großer Bau, ein immer eindrucksvolleres Mausoleum, das überragt wird von Rufen der Blechbläser, die aus dem Gebüsch, aus dem Wald der anderen Instrumente wie Türme aufragen, bald ein Tosen, das plötzlich verlischt, einen Augenblick später noch einmal in Erinnerung gerufen wird, und dem sich die fließenden, den Gesang der Verse begleitenden Klänge entgegens tellen. Der Fluß wird am Ende von einem gewaltigen Ausrufezeichen des gesamten Orchesters abgeschnitten." Dieses Ausrufezeichen ist die Fanfare des Anfangs. Das Stück endet, wie es begonnen hatte. Die Signatur eines Jahrhunderts.