Die Franzosen machen anstrengende Tage durch. Erst der Schock - Le Pen in der Stichwahl -, seither die "Mobilisierung". Kabarettisten schreiben ihre Programme um, Priester lesen ihren Gemeinden die Leviten, Gymnasiasten dürfen ungestraft die Schule schwänzen. Überall und jeden Tag wird demonstriert: 210 000, 300 000, 350 000 Menschen auf den Straßen von Paris und Amiens, Montauban, Grenoble, Ajaccio und so weiter. Spontaner Volksaufstand gegen rechts? Es sind immer dieselben Parolen, Passwörter der Linken: "Marianne, erwache!" oder "No pasarán", wie im Spanischen Bürgerkrieg. Die Verlierer demonstrieren gegen die peinliche Niederlage.

Die sonst so forsche Pariser Infotainment-Branche - Meinungsforscher und politische Talkstars - dreht sich seit dem Wahlabend im Kreis: Das Spiel war abgekartet, es gab zu viele Kandidaten, wir haben Le Pen unterschätzt. Haben sie nicht vor allem die Franzosen falsch eingeschätzt, 170 Jahre nachdem Heinrich Heine schrieb: "Was die Provinz denkt, ist eine ebenso gleichgültige Sache, als was unsere Beine denken"? Zum Auftakt hat das Volk, das zu 96,5 Prozent nicht in der Hauptstadt lebt, diesem selbstbezogenen Mikrokosmos und seinen vorausbestimmten Favoriten jedenfalls einen dreifachen Wähleraufstand vorgeführt: Enthaltung, Aufsplitterung, Rechtsruck. Die Spitzenkandidaten hatten ihr Programm jeden Tag neu nach den Umfragen justiert - hier etwas mehr Polizei, dort mehr Steuersenkung. Irgendetwas hat gefehlt.

Sophie-Caroline de Margerie, langjährige Beraterin von François Mitterrand, ist immer noch sprachlos, dass es keinem aufgefallen sein sollte: "Sie haben nie von la France gesprochen!"

La France ist nicht nur Frankreich, sondern auch das glücklich-beruhigende Pathos, das die Franzosen und ihr Land zusammenhält. Der Begriff umfasst die Geschichte, aus der es sich herleitet, die großen Männer der Vergangenheit und den geografischen Raum, dieses gleichschenkelige Sechseck zwischen Ärmelkanal, Atlantik, Pyrenäen, Mittelmeer, Alpen, Rhein und Ardennen.

Mitterrand wusste diesen Einklang zu verkörpern. Das Wort bezeichnet keine Verwaltungseinheit, keine Staatsform wie la République und kein politisches Konstrukt wie la nation. Es meint all das, was vorher war und immer sein sollte - la France éternelle - und manchmal, ganz profan, bloß eine Lebensart, auf die man nicht verzichten möchte: die scharfen Käse aus roher Milch, die ästhetische Unveränderlichkeit auf dem Land, wo es immer noch Holzfensterläden gibt und keine weiß gerahmte Isolierverglasung, die sonntäglichen Familientreffen als sicheren Hafen.

Die Sehnsucht nach dieser idyllischen Ewigkeit wächst in dem Maß, in dem sie sich auflöst. Der Binnenmarkt, Schengen und der Euro haben die natürlichen Grenzen verwischt. Warum soll das schmerzen in einem Volk, das scheinbar ungerührt auf den jahrhundertealten Franc verzichtet, ja, glücklich die neue Währung annimmt? Wer ernsthaft so fragt, gibt sich sofort als Fremder zu erkennen. Er verrät, dass er aus einer geistigen Welt stammt, in der man glaubt, Menschen müssten "konsequent" sein. Die Franzosen stört die eigene Widersprüchlichkeit nicht: Mehr als die Hälfte aller Erstgeborenen kommt unehelich zur Welt, und trotzdem bekennen sich regelmäßig neunzig Prozent der Befragten zu Werten und Ritualen des klassischen Familienlebens. Achtzig Prozent der Franzosen leben im städtischen Raum und dennoch war die ruralité - sinngemäß: das Landleben alter Art - das erfolgreichste Schlagwort der vergangenen Wochen.

Das Wort ist so neu, dass es in keinem Herkunftswörterbuch zu finden ist.