Das schlimmste ist das Warten auf den ersten Schlag. Bickford sitzt in der Umkleidekabine und putzt mit bandagierten Händen umständlich seine Brille. Er hat sich seit zwei Tagen nicht mehr rasiert. Er ist 26, sieht zehn Jahre älter aus. Sein Atem riecht nach Hustensaft. Der Ringarzt hat ihn gewarnt: Ihm werde mit seiner Grippe schon in der ersten Runde die Luft wegbleiben. Bickford ist das egal. Er wird heute boxen - wegen Bertha.

John Bickford war am Morgen von der Nachtschicht im Kohlenbergwerk heimgekommen. Das Haus war leer. Es ärgerte ihn, dass er beim Aufschließen der Tür immer noch hoffte, seine Frau wäre zurückgekommen. Bickford schluckte ein paar Grippetabletten, schlief bis vier. Dann trank er drei Becher Kaffee, fischte die alten Turnschuhe und eine kurze Hose aus dem Schrank, fuhr in die Sporthalle, ließ seinen Blutdruck messen und sein Kampfgewicht eintragen. 72 Kilo. Der Ringarzt fragte nach Herzproblemen, kaputten Gelenken, lockeren Zähnen und hörte skeptisch seinen rasselnden Atem ab. Ein bulliger Kerl mit platt gedrückter Nase, der mal Nummer sechs im Schwergewicht der Profis gewesen sein soll, bandagierte seine Hände. Bickford würde am liebsten sofort in den Ring steigen, aber die Kämpfe beginnen erst in anderthalb Stunden. Um ihn herum tänzeln nervös 18-jährige Burschen, lassen den Kopf im Nacken kreisen, schlagen Haken in die Luft. Die Älteren sitzen herum, spucken Kautabak in Cola-Dosen, unterhalten sich leise und irgendwie verlegen, als wäre es ihnen unangenehm, zu viel über jemanden zu erfahren, auf den man gleich einschlagen soll. Das Licht in der Arena ist schummrig, nur der Ring mit seinen gelb-schwarzen Seilen ist erleuchtet wie ein monströser Altar.

Zwei Sanitäter schieben eine Trage in die Kabine, beladen mit Erste-Hilfe-Koffern, Beatmungsmasken und Krücken. Noch eine Stunde bis zum ersten Gong. Bickford wartet - nicht mehr auf Bertha, sondern auf den ersten Schlag.

Anfang Januar, kurz nachdem seine Frau mit Sack und Pack verschwunden war, hatte Bickford das Plakat mit dem muskulösen Riesen an einer Tankstelle gesehen: Are You Tough Enough?, Bist du hart genug? Hart genug für drei Runden im Ring, für mindestens einen, vielleicht sogar vier Kämpfe? Wimps Need Not Apply, hieß es, Waschlappen melden sich besser gar nicht erst an.

Bickford meldete sich an - einer von über 100 Aspiranten auf den ungeschützten Titel Toughest Man of Southern West Virginia.

Das Toughman-Boxturnier in Beckley ist ein zweitägiges Ritual, das für die Menschen in dieser Gegend von ähnlicher Bedeutung ist wie der Superbowl. Weil bestimmte Formen der Gleichberechtigung auch vor Beckley nicht Halt gemacht haben, wird seit einigen Jahren nicht nur der härteste Mann, sondern auch die härteste Frau ermittelt. Der Sieger bekommt 1000, die Siegerin 750 Dollar. Profiboxer sind von der Teilnahme ausgeschlossen, niemand darf mehr als fünf reguläre Amateurkämpfe hinter sich haben. Es gibt jeweils zwei Gewichtsklassen: für Männer bis 82 und bis 180 Kilo, für Frauen bis 70 Kilo - und darüber.

Toughman-Wettkämpfe finden auch an anderen Orten in Amerikas Hinterzimmer statt - in schmucklosen Industriestädten wie Dearborn, Michigan und Gary, Indiana. Oder eben in West Virginia, in alten Bergwerksstädten wie Clarksburg, Wheeling oder Beckley, wo Wal-Mart inzwischen mehr Leute beschäftigt als die Zechen und wo die örtliche Handelskammer mit einem üppigen Angebot an Arbeitskräften wirbt. Hier setzt keiner seinen Kindern Flausen über unbegrenzte Möglichkeiten in den Kopf. Aber an jeder Tankstelle, jedem Videoladen leuchten die Worte God Bless America - hier in West Virginia vielleicht noch greller als anderswo.