Schnell zeigen sich auch am Erfurter Beispiel wieder die typischen rituellen Erklärungsmuster: Von "Heimsuchung" spricht der Ministerpräsident Thüringens, von einem "psychisch schwer gestörten Täter" ein kriminalpsychologischer Experte per Ferndiagnose im Fernsehen.

Die erste Einordnung erklärt das Verbrechen zum quasi übernatürlichen Ereignis, die zweite pathologisiert es. Beiden Erklärungen gemeinsam ist ihre Distanz zur sozialen Realität. Es werden entlastende Deutungen geliefert, um möglichst schnell wieder "Normalität" herzustellen: Gegen eine "Heimsuchung" kann man nichts tun, weil sie schicksalhaft ist. Und pathologische Täter können von einer ansonsten angeblich intakten Gesellschaft isoliert werden.

Beide Interpretationen lassen die konstitutiven Merkmale von Gewalt unberücksichtigt: Gewalt ist eine für jedermann verfügbare und hoch effektive Ressource. Sie hat immer eine Vorgeschichte und ist stets, gegen wen sie sich auch richtet, eine Machtaktion. Diese Einsicht verunsichert ebenso wie die Tatsache, dass solche Massaker jederzeit möglich und kaum zu vermeiden sind.

Um sich zu beruhigen, neigt man daher dazu, derartige Phänomene von der gesellschaftlichen Normalität abzutrennen.

Man muss sich natürlich die Frage stellen, was Gewalt hervorbringt, warum ein Mensch das Leben - auch das eigene - so radikal abwertet und so extrem auf die Demonstration von Macht setzt. Die Spur führt zum Problem der Anerkennung: Wer braucht mich? Fühle ich mich gerecht behandelt? Bin ich gleichwertig? Werden meine Gefühle akzeptiert? Diese Fragen sind existenzieller Natur, und ihrer Bedeutung nachzugehen ist ergiebiger, als nur nach Anstößen von außen zu suchen: etwa nach dem Videokonsum des Täters oder nach der Wirkung von Fernsehbildern. Solche Einflüsse können allenfalls die "Strategien" beeinflussen, die der Gewalttäter wählt. Sie sind aber meist nicht ausschlaggebend für die Entscheidung, das eigene Leben und das Leben anderer auszulöschen. Von größerem Gewicht dafür ist etwas anderes: dass der spätere Täter auf die oben genannten Fragen keine Antworten gefunden hat.

Spätestens dann setzt ein äußerlich unauffälliger, zunächst verdeckter Eskalationsprozess ein, dessen Richtung zunächst offen bleibt.

Dieser Prozess kann zur Anerkennungssucht, zum Streben nach Überlegenheit führen. Auch das Ziel der Gewalttat ist die Wiederherstellung von Anerkennung. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Umwelt darauf negativ oder positiv reagiert. In der Wahrnehmung von Tätern ist es schon positiv, wenn er mit seinem Verbrechen öffentlich bekannt wird. Grandios erscheint ihnen die Aussicht, sich durch Exzesse wie in Erfurt oder Littleton (USA), aber auch durch eine Tat wie am 11. September unsterblich zu machen.