Heute vor 230 Jahren wurde auf Schloss Oberwiederstedt am Ostrand des Harzes ein Mann geboren ... - ein spannungsträchtiger Einstieg. Oder: Am 30.

April 1877, vorgestern vor 125 Jahren, erblickte ... Oder gar: In vier Tagen, vor 140 Jahren am 6. Mai 1862, starb ... Hätten Sie's gewusst? Irgendwie erscheinen derartige Texte immer seltener. Bedauerlich. Hatte man doch vieles, wenn nicht das meiste aus solch unverhofften Jubiläumsartikeln gelernt. Gegen den Strich und die Quartalsprogramme der Verlage verfasst, machten sich da Texte breit, die liebevoll und gelehrsam verbissen, fast schulfunkfreundlich zum altmodischen Rausreißen der Seiten verleiteten - für später, zum Nachlesen.

Doch wer da denkt, bei Jubiläen gehe es um den Jubilar, hat das Wesen des Feierns nicht verstanden. Der Schenkende wird beschenkt, er sucht sich seinen Anlass. Wie bei Kindergeburtstagen die kleinen Gäste fast ebenso viel wie der Gefeierte nach Hause tragen (Süßigkeiten in Cellophan, Radiergummi und Diddel-Block), erfüllen sich die Literaturzeitschriften ihre Traumthemen (Unbekannte Texte zum 125. Geburtstag), die Rezensenten ihre Platzwünsche (Porträt eines Vergessenen), genügen die Feuilletons ihrer Pflicht zur Geschichtshygiene.

Die Frage bleibt: Welche Jubiläumszahlen sind dem Leser, dem Ressortchef oder dem Gefeierten zuzumuten? Wann wird es offensichtlich, dass der Verfasser nur einen Anlass sucht, wieder über seine Götter zu schreiben, ohne auf eine neue Übersetzung oder Gesamtausgabe warten zu müssen? Bei Todestagen ist die 10 aufwärts empfehlenswert, bei Geburtstagen wird's problematisch. 100 ist schicklich, was darunter liegt, fällt in den Bereich der gefühlten Zeit. 80 scheint bei Literaten eine magische Grenze zu sein, an der sich Bewunderung und Bedauern treffen, die Freude schon ins Gedenken übergeht. Doch die Zeiten werden jünger. Bei Popliteraten bietet sich schon der 30., ja der 20.

Geburtstag an (Still crazy), die Rockmusiker haben ihnen den Weg frei geräumt. Nun zahlt es sich aus, dass jahrzehntelang öffentlich gejammert wurde, man wolle lieber vergehen, bevor man 30 werde, und häufig die Bitte fiel, hurtig zu leben und jung zu sterben. Rebellen feiert man mit "60" - die Herren Dylan, Reed, McCartney, Jagger singen davon.

Alfred Polgar bedauerte einmal, dass man durch zehn teilbar sein müsse, "um dem Gedächtnis der Mitwelt angenehm aufzustoßen". Inzwischen ist das Dezimalsystem ein Fluchtweg, dem literarischen News-Wahn zu entkommen.

Unter den oben genannten Daten hätte der beglückte Leser leidenschaftliche Texte über folgende Jubilare gefunden: den Schriftsteller und Walden-Einsiedler Henry David Thoreau, den österreichischen Dichter Fritz von Herzmanovsky-Orlando und seinen grandiosen Gaulschreck im Rosennetz sowie Friedrich von Hardenberg alias Novalis: "Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses." Heute, am 2. Mai, beginge die Dichterin Gisela Elsner ihren 65. Geburtstag. Eine kleine Chance, sie nicht mit Hannelore Elsner zu verwechseln. Oder Elstner?