Die IG Metall hat Recht: Es muss möglich sein zu streiken. Jederzeit.

Aber der Tarifkampf, den sie jetzt führt, ist längst verloren - für Deutschland. Die Metaller halten das Banner hoch, hinter dem sie ihre Mitglieder am leichtesten versammeln können: Mehr Lohn für alle. Dafür schlagen sie eine Einsicht in den Wind, die den Kampf gelohnt hätte: Heute müssen die Unternehmen und ihre Beschäftigten immer neue Chancen suchen und immer neue Bedrohungen abwehren - dazu passt das Tarifmodell von der Stange nicht mehr.

Das spüren auch die Funktionäre. Bis in die Tiefen der IG Metall nagt der Zweifel an der alten Tonnenideologie des Lohnes. Ihr Chef Klaus Zwickel spielte noch kurz vor der Tarifrunde öffentlich mit einer gewagten Idee: Sollte nicht ein Teil des Lohnes vom Ergebnis des einzelnen Unternehmens bestimmt werden? In der Tat. Aber die Idee wurde den Metallern zu heiß, zumal sich die Kandidaten im Kampf um Zwickels Nachfolge keine Blöße geben wollen. Also überspielten sie ihre Schwäche mit dem Gestus der Stärke.

Da müssen wir jetzt durch, haben die Gewerkschafter beschlossen - und Deutschland mit uns. Sie bieten Argumente auf, die nicht ziehen, wenn sechs Millionen Deutsche Arbeit suchen oder nur auf dem Schwarzmarkt finden. Die Arbeitnehmer sollen ihren gerechten Anteil am Wachstum der Produktivität erhalten? Tatsächlich ist die Produktivität der Arbeit eine statistische Größe, die mit jeder Maschine wächst, die einen Job ersetzt. Wenn die Löhne hochgetrieben werden, lohnt sich der maschinelle Ersatz für den Menschen umso mehr. Mit neuer Kaufkraft können die Beschäftigten die Konjunktur erblühen lassen? Tatsächlich fehlt den Verbrauchern weniger das Geld zum Konsum als das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft. Wenn die IG Metall um die vier Prozent für alle Firmen der riesigen Branche - für groß und klein, profitabel und verlustreich - durchsetzt, schwindet der Glaube an den Aufschwung. So viel Ökonomie versteht auch Otto Normalverbraucher.

Klaviatur des Korporatismus

Noch einer hat sich verrechnet: Undank ist des Kanzlers Lohn. Beflissen hat Gerhard Schröder den Gewerkschaften ein neues Betriebsverfassungsgesetz geschenkt. Den Niedriglohnsektor hat er ihnen zuliebe gar nicht erst angepackt. Trotzdem legte es die IG Metall auf Streit und Streik an. So verzögert sie vielleicht den Aufschwung, der den Kanzler noch ins Wahlziel tragen könnte.

Virtuos spielt Schröder auf den Tasten des Korporatismus - und erzeugt doch nur Misstöne. Eifrig bedient er auch die Männerfreunde aus der Großindustrie.