Ein leichtes Hubschrauberknattern über dem Central Park, gelegentliches Hupen aus den Tiefen der New Yorker Straßen - es klingt nach einem allzu inszenierten Szenario, Lokalkolorit von 350 Central Park West. Doch Erwin Chargaff lebt hier noch, im 13. Stock, ein Mann mit 96 Jahren, zu dem man hochfährt, dem man mit ein paar Brockhaus-Bänden einen Mikrofontisch baut, der aus seiner "Selbstbiografie" liest. Erwin Chargaff hatte Glück: kein Alzheimer, keine verkalkte Altersmilde, nur ein Zischen der S-Laute scharf an den Zähnen vorbei, ein österreichisches Dehnen von Silben, ein Schlucken von Konsonanten, das von gelegentlicher Rührung kommt.

Erwin Chargaff, der seinen Namen in den Telefonbüchern vieler Städte gesucht und nirgends gefunden hat, liest aus seinem Buch Das Feuer des Heraklit - Skizzen aus dem Leben vor der Natur, das 1979 in Deutschland erschien. Es sind die Erinnerungen eines Moralisten, der versehentlich Naturwissenschaftler wurde, weil er eine Abneigung gegen das Predigen hatte und hoffte, die Anschauung der Natur würde ihn überzeugen. Der 1905 in Czernowitz, Bukowina, geborene Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie kam zu spät auf die Welt, um auf die Unschuld der Naturwissenschaften zählen zu können. 1947, mit Hiroshima und Nagasaki - dem "Triumph der Kernphysik" -, war die Hoffnung endgültig zu Ende. Welch böse Ironie, dass er selbst zum Wegbereiter der zweiten Revolution wurde, indem er 1945 die Basenkomplementarität bei der DNA entdeckte, eine Voraussetzung für das Strukturmodell der Zelle - die Doppelhelix - die Francis Crick und James Watson entwickelten ("Die beiden haben mir die Basenpaare gestohlen. Das ist die freie Marktwirtschaft"). Als sich die Konsequenzen der Gentechnik abzeichneten, stand er schon auf der anderen Seite, wurde 1974 emeritiert und begann vor der "genetischen Bastelsucht" zu warnen.

Chargaff ist nicht nur Moralist, er war während seines Studiums in Wien Stammgast im Hörsaal von Karl Kraus, stellt sich ständig die alte Frage, wozu man eigentlich etwas wissen will, ob man die Natur erkennen oder sie verschlimmbessern möchte. Gemäß dem Ondit, die Wissenschaft erzeuge mit der Lösung von Problemen neue, ja noch größere Probleme, die sie wiederum zu lösen versuche, und so fort. Doch ist es nicht Chargaffs wissenschaftskritische Position - sein großes Werk aus Essays, Aphorismen und autobiografischen Erinnerungen ist bei Klett-Cotta erschienen und dringend nachzulesen -, es ist der distanzierte und doch so tief menschliche Klang eines Allgebildeten jenen Kollegen gegenüber, die vor allem daran interessiert sind, sich Ruhm und Reichtum patentieren zu lassen. Die Ähnlichkeiten mit derzeit am Bildschirm im Übermaß auftretenden Wissenschaftlern sind unübersehbar, wenn Chargaff beispielsweise Think Tanks mit "Denkaquarien" übersetzt: "Man kann den Fachleuten zusehen, wie sie hinter Glas nachdenken. Die aus ihren Mündern aufsteigenden Bläschen sind die Perlen der Weisheit."

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog die Familie nach Wien, wo Chargaffs Vater 1934 starb, von wo aus seine Mutter "ins Nichts transportiert" wurde, während er schon an der Columbia-Universität in New York arbeitete. Man möchte den Beschreibungen seiner Jugend unendlich zuhören ("Seit meinem sechsten Jahr haben meine Eltern nach unten zu mir emporgeblickt"), stundenlang dem "Dialog zwischen einer tonlosen Stimme und meiner eigenen" lauschen. Tonlose Frage: Was haben Sie aus der Naturwissenschaft gelernt? Antwort: "Dass man seine Hände waschen soll, bevor man die Natur anrührt." Man könnte endlos Sätze notieren wie den folgenden: "Man sollte nicht studieren, was man liebt."

Vielleicht gehört es zu einem solchen wunderbaren Dokument, dass die beiden Herausgeber von Parlando Prosa, Waltraut und Christian Brückner, vom gewohnten Verlagsprogramm abweichen (in dem Christian Brückner Literatur von Carver bis Hölderlin liest) und aufgeregt wie ältere Teenager in den 13.

Stock hochfahren, um diese Stimme aufzuzeichnen, brüchig, aber ungebrochen, nuschelnd-zischend und glasklar. Am Ende trägt Erwin Chargaff eine kleine Huldigung an Johann Peter Hebel vor. Eine lange Aufzählung der Toten und Schlachten, der Irrwege und Verbrechen des 20. Jahrhunderts, um dann den kleinen Satz anzufügen: "Während all dies vor sich ging, bin ich aufgewachsen, und dann habe ich dieses Buch geschrieben." Die Sirenen und der Lärm von New York sind der ideale Hintergrund für diese seltene Hoffnung.

Erwin Chargaff: Das Feuer des Heraklit