die zeit: Frau Limbach, was bedeutet für Sie der Wechsel von der Spitze des Verfassungsgerichts zum Goethe-Institut?

Jutta Limbach: Der Wechsel zum Goethe-Institut bedeutet für mich zuallererst einen Themenwechsel, einen Übergang von der Pflicht zur Kür

denn im Mittelpunkt der Arbeit des Goethe-Institut/Inter Nationes steht die Kultur - etwas, das zum Lebenselixier der Menschen gehört. Das Präsidium - daraus ergibt sich auch meine Rolle - ist eine Art Aufsichtsrat. Die Präsidentin hat aber nicht nur die Aufgabe, sich über die Geschäfte des Vorstands Bericht erstatten zu lassen und sie zu kontrollieren, sondern auch durchaus eine anregende Funktion. Sie hat die wichtige Aufgabe, den Vorstand und damit die Geschäftsführung des Instituts zu bestellen und erscheint als eine Instanz, die Strukturfragen von besonderer Bedeutung mit entscheidet. Im Bundesverfassungsgericht habe ich mich im Bereich der Rechtskultur mit der internationalen kulturellen Zusammenarbeit auf einem Gebiet beschäftigt, das zunehmend wichtiger wird und das zu meiner Freude das Goethe-Institut schon seit Jahren zu seinem Thema gemacht hat, nämlich Menschenrechte und Rechtsstaat.

zeit: Wird das der Schwerpunkt Ihrer Arbeit sein?

Limbach: Obwohl sich das deutsche Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit und voran das Grundgesetz als Exportschlager gerade in Richtung Osteuropa, aber auch in Richtung Afrika und Mittelamerika erwiesen hat, habe ich immer festgestellt, dass es dabei nicht um Belehrung geht, sondern um Austauschprozesse, die wechselseitiges Lernen beinhalten. Ich habe gelernt, dass Gespräche mit unseren auswärtigen Kollegen immer dann am fruchtbarsten waren, wenn sie uns deutlich machten, dass sie unsere Rechtsprechung oder das Grundgesetz vor dem Hintergrund der Erfahrungen, auch der schlechten Erfahrungen, die wir gemacht haben, rezipiert und dabei manches auch fortgedacht haben, was bei uns erst später Gegenstand von Konflikten und möglicherweise von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts wurde. Für die Arbeit im Goethe-Institut ist wichtig, dass man das nicht mit Missionseifer tut, sondern sich gegenseitig unterrichtet und die Unterschiede anerkennt.

zeit: Bis 1989 war Inhalt und Räson der auswärtigen Kulturpolitik auch der Existenznachweis einer deutschen Kulturnation. Das hat sich seit 1990 erledigt. Was ist an die Stelle dieses Begriffs getreten?

Limbach: Auch wenn wir in diesem Sinne nicht mehr von Kulturnation sprechen, begreift sich die Bundesrepublik als ein Kulturstaat, obwohl im Gegensatz zur bayerischen Landesverfassung dieser Ausdruck in unserem Grundgesetz nicht auftaucht. Aus dem Bekenntnis zur Unantastbarkeit der Menschenwürde und der freien Entfaltung der Persönlichkeit ergibt sich auch die Wichtigkeit der Kultur, die Kunst, Bildung, Wissenschaft und Religion einschließt. Diese Kräfte wirken auch als soziale Bindekräfte innerhalb eines politischen Gemeinwesens. Weil es sich um geistige Potenzen, um kreative Kräfte handelt, sind sie immer auch geeignet, als eine Art Brückenschlag zu dienen. Ich muss etwas von mir selbst begriffen haben, wenn ich mich mit anderen austauschen will. Wir werden durch unser kulturelles Erbe geprägt. Wir sind auch durch unsere Sprache und unsere sprachlichen Möglichkeiten geprägt. Sobald man sich in einer anderen Sprache ausdrücken will, ist man verunsichert, weil man nicht die gleiche Sprachmächtigkeit wie in der eigenen Sprache hat. Nach wie vor hat Kultur eine identitätsstiftende Wirkung. Aber ihre Äußerungen gestatten mir auch, mich mit anderen zu verständigen.