Dschenin

Neben dem zweiten Checkpoint an der Straße, die von Norden nach Dschenin führt, steht ein überdimensionaler, gepanzerter Bulldozer mit dicken, dunkelgrün verblendeten Fenstern hoch oben im Führerhaus. D9 heißt so ein Ungetüm im Fachjargon. Ein Soldat klettert hinauf. Von dort oben muss das Häusergewürfel einer palästinensischen Stadt geradezu lächerlich aussehen.

Eine Anhäufung von Nichtigkeiten, die man wie Pappkisten beiseite schieben - und zertrümmern kann. Der Soldat startet den D9. Der Motor heult auf wie ein Düsentriebwerk.

Drinnen in der Stadt, im Zentrum des alten Flüchtlingslagers, hat die monströse Planierraupe ihr Werk getan. Wo einmal Häuser standen, ist jetzt nur noch Bauschutt zu sehen, wie nach einem großen Abbruchunternehmen. Ein Gewirr aus Betonplatten und aus dem Beton ragenden Stahlruten, zerbrochenen Türen und zersplittertem Mobiliar, aufgeschlitzten Matratzen und zerfetzten Kleidern. Eine alte Frau sitzt auf einem weißen Plastikstuhl vor einem Schutthügel, der einmal ihr Haus war, und jammert, alles habe sie verloren, alles, alles ...

Anderswo steckt ein Mann den Zündschlüssel in seinen wie zur Verschrottung platt gedrückten, blauen Hyundai. Der Wagen springt an. Der Mann beugt sich über den Motor, horcht hinein, stoppt ihn. Startet erneut, und wieder springt das Wunderding an. Sinnlos, grotesk summt die Maschine in dem Wrack. Der Mann richtet sich auf und lacht. Er lacht und lacht, als drehe sich für ihn alles nur noch um das Überleben dieses Motors.

Am oberen Ende des Trümmerfeldes ragt die Moschee auf. Die weißen Mauern sind wie mit schwarzer Akne von Hunderten Einschüssen übersät. Drinnen, hier waren zehn Tage lang israelische Soldaten einquartiert, ein unglaublicher Saustall.

Halb verschlungene, jetzt von Blauschimmel überwucherte Fertiggerichte, Wasserflaschen voll Urin, Eimer voll Exkrementen. Vom Dach der Moschee aus sieht man das volle Ausmaß der Verwüstung. In der Mitte eine gut 300 Meter breite und 100 Meter tiefe Schneise, in der 140 Häuser vollständig platt gemacht wurden. An den Rändern des Trümmerfeldes Straßenzüge, in denen die Bulldozer Gebäude seitlich aufrissen, sodass man wie in Puppenhäuser in sie hineinsehen kann. 204 Häuser sind dort so schwer beschädigt, dass man sie eigentlich nur abreißen kann. 4000 Menschen wurden obdachlos.