Jetzt, nach der Untat in Erfurt, äußert sich Ratlosigkeit in der Wiederholung bekannter Ratschläge: Liebe Fernsehleute, zeigt weniger Gewalt!

Liebe Eltern, sprecht mehr mit euren Kindern! Liebe Schulleiter, kontrolliert die Eingänge! Liebe Politiker, tut mehr für die Familien!

Guter Rat ist nicht teuer, aber reden wir nicht über Erfurt, reden wir über die Gesellschaft, in der wir leben. Zur Einstimmung zwei Anekdoten aus dem Alltag. Die elfjährige L. kommt häufig mit verweinten Augen aus der Schule, man hat sie gehänselt und herumgeschubst, ihre Klassenkameradin M. tut sich dabei besonders hervor. L.s Mutter unternimmt das Naheliegende und ruft M.s Mutter an, um sich mit ihr zu verständigen. Deren Antwort: "Wenn sich L.

nicht wehren kann, dann haben Sie L. nicht stark genug gemacht."

Zweiter Fall: Während einer Elternratssitzung des Gymnasiums in W. moniert der Elternvertreter einer fünften Klasse, bei der letzten Lateinarbeit habe es zwölf Einsen gegeben, das sei nicht in Ordnung. Auf die verwunderte Gegenfrage des Schulleiters antwortet er, er habe sein Kind auf dieses Gymnasium in der Erwartung geschickt, hier werde Leistung verlangt, das übermäßig gute Ergebnis beweise jedoch, dass die Arbeit zu leicht gewesen sei.

Häufig hört man die Ansicht, wir lebten in einer Zeit des Laisser-faire und des anything goes, es gebe keine Maßstäbe und keine Verbindlichkeiten mehr.

Das stimmt in vielerlei, vor allem in moralischer Hinsicht - nur in einer nicht: Was diese Gesellschaft im Innersten antreibt und zugleich zu sprengen droht, ist ein neuer Leistungswahn, der die alten, alternativen Autonomiefantasien längst abgelöst hat