Kaum ein Vorurteil hält sich so hartnäckig wie die Idee, man könne der Popmusik anhören, woher sie kommt. Jede Stadt hat demnach einen bestimmten Sound, den man bequem den besonderen Verhältnissen vor Ort zurechnen kann, bevorzugt den örtlichen Minderheiten und ihren musikalischen Traditionen.

Wunderbar vielfältig erscheint dadurch die Welt, ein Schmelztiegel musikalischer Kulturen. Für etwas schwärzere Tage hält der Vorurteilsschatz aber auch das passende Gegenargument bereit: alles Unfug mit der Vielfalt, die Tendenz weise genau in die entgegengesetzte Richtung. Die Globalisierung homogenisiere den kulturellen Ausdruck - mit MTV in der abgelegensten Hütte dieser Erde zappelt jeder zum gleichen Beat.

Natürlich stimmt beides beziehungsweise weder das eine noch das andere. Die Welt der Popmusik ist dabei, sich in Netzwerke aufzulösen, und diese sind gleichzeitig lokal und global, sie sind regional verankert und international verknüpft. Die Wahrheit liegt In Between, wie die Mitglieder des Berliner DJ- und Produzentenkollektivs Jazzanova ihr Debütalbum genannt haben, irgendwo zwischen den Stilen. NuJazz nennt man den Jazzanova-Sound, aber diese Bezeichnung ist der reinen Hilflosigkeit geschuldet: unmöglich, die Mischung aus HipHop, Soul, Funk, Brazil, Latin, House und Jazz begrifflich in ein Plattenfach zu bekommen.

Musik, die man gemeinhin mit Berlin verbinden würde, ist es nicht. Die Stadt wurde bislang eher mit Techno und dem Ost-trifft-West-auf-der-Love-Parade-Image assoziiert oder dem Brachialsound verzweifelter junger Männer, die gegen die Ruinen der ehemaligen Reichshauptstadt anspielen, wie sie etwa Rammstein oder Alec Empire verkörpern. Doch es gibt außerhalb der Stadtgrenzen Leute, die auch Jazzanova als spezifisch Berliner Musik wahrnehmen. Für das Lifestyle-Magazin Max mixten sie eine Berlin - Sound of a City-CD, und in Japan, Spanien und den USA spielen sie vor ausverkauften Häusern. All das, obwohl ihre Musik fast völlig von regionaler Identität abgekoppelt und an die globalen Musikarchive angedockt ist.

Die Geschichte von Jazzanova beginnt im Jahr 1995, als drei Berliner DJs gebeten werden, ein Stück zu einer Compilation beizusteuern. Sie wenden sich an drei befreundete Produzenten, und zusammen spielt man das Stück dann ein.

Die Compilation erscheint jedoch nie, und so bringt das Grüppchen den Titel Fedime's Flight in Eigenregie heraus. Das Unwahrscheinliche geschieht: Die Platte sorgt in London und Tokyo für weiche Knie. Rasch finden Jazzanova Anschluss an ein internationales Netzwerk von DJs, Musikproduzenten, Plattenlabels und Clubs. Sie werden eingeladen, überall auf der Welt Platten aufzulegen, und bekommen Dutzende von Aufträgen, die Stücke anderer Künstler zu remixen.

Der Klang der Weltgesellschaft