Manchmal stellt sich Claudia Herbart* die andere Frau vor. Zu klein sollte sie nicht sein, hofft sie. Und, bitte, keine schwarzen Haare, keine dunklen Augen. Claudia Herbart ist blond, blauäugig und nicht gerade zierlich. Aber auch hier in Valencia gibt es solche Frauen. Sie hat darauf geachtet, als sie heute morgen mit der Metro von ihrer Pension in die Klinik fuhr. Blonde, blauäugige Spanierinnen. Das hat sie beruhigt.

"Wir passen auf, dass sich die Spenderin nicht zu sehr von ihnen unterscheidet", wurde ihr beim ersten Besuch in der Klinik versichert. Aber ein Rest Zweifel bleibt immer. "Das Ergebnis sieht man erst nach neun Monaten", sagt Claudia Herbart und rührt in ihrem Milchkaffee. Er ist der letzte. Ab morgen wird sie keinen Kaffee mehr trinken. Morgen früh werden ihr die fremden Eizellen eingepflanzt, befruchtet mit dem Sperma ihres Mannes. Dann heißt es warten und hoffen. Über 50 Prozent seien die Chancen in Valencia, durch eine Eizellspende zu einem Kind zu kommen, hatte es im Internet geheißen. Weil die Spenderinnen jung sind, ihre Eizellen gesund und die Auswahl am Instituto Valenciano de Infertilidad (IVI) so groß ist wie nirgendwo sonst in Europa.

Das IVI gehört zu einem Dutzend Fortpflanzungskliniken in Europa, in denen deutsche Paare all das geboten bekommen, was ihnen Paragrafen hierzulande untersagen. Und das ist viel. In keinem anderen Land ist ein Embryo derart umfassend geschützt wie in Deutschland - und gleichzeitig so vieles verboten, was unfruchtbaren Paaren zu einem Kind verhelfen könnte. Ob Eizellspende, Leihmutterschaft oder Präimplantationsdiagnostik: Das deutsche Embryonenschutzgesetz untersagt es.

Andere Staaten Europas legen weniger strenge Maßstäbe an den Schutz des werdenden Lebens. Die Bundesrepublik ist geradezu umzingelt von ihnen. Jedes Jahr zieht es deshalb mehr deutsche Paare zum Kinderzeugen ins europäische Ausland - vorbei an deutschen Gesetzen, unterstützt von hiesigen Ärzten, angetrieben von der Sehnsucht nach eigenem Nachwuchs. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein Fortpflanzungstourismus entstanden, der nach konservativen Schätzungen bereits jährlich einige hundert deutsche Paare umfasst. Andere Angaben gehen von weit über tausend aus.

Klinik mit Privatstrand

Das IVI in Valencia, eine der größten privaten Fertilitätspraxen weltweit, zählt zu den beliebtesten Destinationen. Hier fragt niemand, ob die Patienten aus Barcelona oder Berlin kommen. Wenn Eizellen und Spermien zur Verfügung stehen und Ärzte Zeit haben, sind die Kunden von überall her willkommen - Hauptsache, sie zahlen.

Für die Präimplantationsdiagnostik (PID) gilt Belgien als die beste Adresse. Die Niederlande sind unter lesbischen Paaren aus Deutschland seit langem die erste Anlaufstelle für eine anonyme Samenspende. Und selbst Österreich, wo fast ebenso strenge Regeln herrschen wie hierzulande, zieht neuerdings deutsche Sterilitätspatienten an. Dort finden sich all jene Paare ein, die in den Genuss des so genannten Blastozystentransfers kommen möchten. Die zusätzliche Embryonenreifung vor dem Transfer in die Gebärmutter garantiert bei der künstlichen Befruchtung höhere Erfolgsquoten.