Pfarrer Veix hat dem Markus in die Hose gelangt, deswegen hat er an Ostern den Domkapitular Geist in Würzburg angerufen, der hat ihn geladen und gehört. "Sind Sie schuldig?", hat er gefragt, und nach dem Geständnis, weil es die Juristen geraten haben, hat sich der Pfarrer Veix bei der Polizei in Schweinfurt selbst angezeigt. Der Domkapitular Geist war mit dabei, weil, wie es heißt, Selbstbezichtiger nach einer Anzeige oftmals Suizid begingen. "Für unsere Gemeinde ist das ein unglaublich schwerer Fall, manche können es bis heute nicht glauben", meint Sandbergs Pfarrgemeinderatsvorsitzender Pius B. "Wissen Sie", sagt er weiter, "die Leut wollen das nicht wahrhaben, die fragen, ob denn die Familie von dem Markus da nichts dazugedichtet hat ..." Im Ort, wo jeder Dritte praktizierender Katholik ist, hat es Gerüchte gegeben: Die Familie habe die Kirche erpressen wollen, weil sie in Nöten gewesen sei, die Familie habe Schulden gehabt, gerade ein Haus gebaut ...

Die Familie redet jetzt gar nicht mehr. Keine Interviews. Nichts. Die vielen Reporter der privaten Fernsehsender, Sandberg hat genug davon, man hat die Kameras davongejagt. Es soll endlich wieder Ruhe sein. Die Verdrängungsarbeit hat begonnen. Die Familie hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der am 19. April eine Erklärung herausgegeben hat: Es habe, heißt es darin, ein gemeinsames Gespräch mit Vertretern des Bischöflichen Ordinariats auf dem Kloster Kreuzberg gegeben, bis zum derzeitigen Stadium habe sich die Kirche korrekt verhalten, finanzielle Zuwendungen seien nicht erfolgt, das kirchliche Angebot eines Urlaubs habe die Familie abgelehnt, man appelliere an die Kirchengemeinde, den Sohn nicht von der Opfer- in die Täterrolle zu drängen.

Der Fall Veix ist nach Rom gegangen. So sehen es seit vergangenem Sommer die neuen Regeln der Kongregation vor. Der Würzburger Generalvikar hat das Dossier im Vatikan abgeliefert. Pfarrer Veix ist in einer Therapie außerhalb des Bistums. Niemand sagt, wo er sich befindet. Niemand will sagen, wie es ihm geht.

"Werden Sie ihn nach der Behandlung wieder aufnehmen?" - "Gute Frage", sagt Domkapitular Heinz Geist, Personalreferent für das Seelsorgepersonal der Diözese Würzburg, "ich werde nach dem Therapieergebnis schauen." - "Verlassen Sie sich vollständig auf die Aussage der Therapeuten?" - "Ja." - "Kann er denn je wieder Seelsorger werden?" - "Unter Umständen müssen wir sagen: nein, und dann müssen wir ihn irgendwo in der Verwaltung verwenden, wir können ihn ja nicht einsperren." - "Gab es Verdachtsmomente bei seinen früheren Tätigkeiten?" - "So wie es mir scheint, war es das erste Mal. Ich kann ja nicht jedes Mal bei einer Anstellung fragen, mit wie viel Frauen hatten Sie was und was ist mit Kindern so vorgefallen."

Vor Jahren hat es im Würzburger Bistum den Fall des Pfarrers Wolfgang Schwarz (Name geändert) gegeben, ähnliche Vorwürfe, Versetzungen, neue Verdächtigungen, Anzeige, polizeiliche Ermittlungen. Gerade erst ist Pfarrer Schwarz, der trotz Verurteilung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung ein uneinsichtiger Mensch geblieben sein soll, zwangspensioniert worden.

Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Die Kirche sei eine geheimnisvolle Institution mit antidemokratischer Machtstruktur, behaupten Kritiker wie Hubertus Mynarek oder Ralf Speis von der Würzburger Initiative "Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche". Sie habe seit Jahrhunderten vertuscht, verheimlicht, versteckt, habe Täter gedeckt, Opfer ignoriert, ihre Glaubwürdigkeit als moralische Autorität verloren. Seit immer neue Vorfälle aus amerikanischen Bistümern bekannt werden und der Papst vor wenigen Wochen 13 zum Teil betroffene amerikanische Kardinäle zu einem vatikanischen Krisengipfel einbestellte, um den Kindesmissbrauch deutlich zu geißeln und Richtlinien zu fordern, suchen die deutschen Bistümer den Imageschaden zu begrenzen. Keine leichte Aufgabe. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz tagte kurz nach den Beratungen im Vatikan im Kloster Himmelspforten bei Würzburg und konnte sich, zum Erstaunen mancher Kirchenrechtler, nicht zu einem bundesweit einheitlichen und allgemeinverbindlichen Regelsystem durchringen. Es sei Sache der einzelnen Bistümer, Verdachtsfällen nachzugehen, jede Diözese müsse selbst entscheiden. "Wir wollen nichts vertuschen", sagte der Konferenzvorsitzende Kardinal Karl Lehmann, "aber es handelt sich auch nicht um die Spitze eines Eisbergs."

Dabei sind die katholische Amtskirche und ihr moralisches Selbstverständnis existenziell herausgefordert. "Jeder Fall", sagt Würzburgs Generalvikar Karl Hillenbrand, "ist einer zu viel." Jeder einzelne Fall hätte nie geschehen dürfen. Jeder Fall trifft die ganze Kirche. Jeder Fall zerstört das Heilige.