In einer seiner Geschichten hat Tschechow den Witz zum Akteur gemacht.

Was reitet den Erzähler, dass er seiner ängstlichen Rodelpartnerin auf der Schussfahrt "Ich liebe Sie, Nadja!" ins Ohr flüstert? Hat sie sich verhört?

"Lassen Sie uns noch einmal rodeln", sagt sie. Wieder der sprechende Fahrtwind und wieder - und bald ist das verwirrte Mädchen süchtig nach den Windworten. In Scherz von 1886 hat das Missverstehen die Initiative und das letzte Wort. Noch Jahre später ist das kleine Rätsel die schönste Erinnerung in Nadjas Leben, während der Erzähler rätselt, "wozu ich mir diesen Scherz erlaubt habe".

Versprecher, Irrtümer, Fehlleistungen, kurz: Verfehlungen, die Mechanik des Witzes, sind das Prinzip von Tschechows Welt, zuallererst in der Liebe, wo das Wort auch den moralischen Klang des "Fehltritts" hat. Wo aber die Liebe selbst verkehrt ist, zeigt sie ihre korrupte Fratze. Hunderte Spotttexte hat der Moskauer Medizinstudent in satirischen Zeitschriften veröffentlicht, sofern es die Zensur erlaubte. Peter Urban, der unermüdliche Tschechow-Forscher, dessen wunderbare Neuübersetzungen auch in den schönen Ausgaben der Friedenauer Presse erscheinen, hat 132 von ihnen für seine Diogenes-Werkausgabe ausgewählt und zum großen Teil erstmals ins Deutsche übertragen. Ein Jahrmarkt der Skurrilitäten: futuristische Grotesken, karnevalistische Metamorphosen, literarische Parodien, parabolische Märchen, Possen, Witzfragen. Hier, wo "Humor" in Auftrag gegeben ist, erweisen sich die fließenden Grenzen zu den berühmten Kurzgeschichten und damit die ästhetische und moralische Kontinuität der Tschechowschen Erzählweise.

Den Anfang gibt der 20-Jährige mit einer Bagatelle gegen die gängigen Erzählkonventionen

die szenischen Alltagssplitter zeigen in ihren satirischen Verkleidungen und Perspektiven schon die präzise Introspektion der späteren Erzählungen. Im Raritätenkabinett des "Humoristen" wartet das riesige Heer der Normalen, zieht die Uniform aus und steht nackt da: "Ivan Kapitonyc ist ein kleines, getretenes, platt gedrücktes Wesen, das nur lebt, um fallengelassene Taschentücher aufzuheben und an Feiertagen zu gratulieren.

Sein Gesicht sieht aus wie von der Tür eingeklemmt oder mit einem nassen Lappen geschlagen." Tschechows Sprachspielen, ob bitter oder albern, entkommt man nicht: Es fehlt das rettende Ufer der Rechthaberei, der Anklage. Wir befinden uns in der Praxis eines angehenden Arztes, der seine Erkenntnis - dass die Krankheit diagnostiziert, aber nicht geheilt werden kann - mehr erlitten als genossen hat. Es ist die Hilflosigkeit des Landarztes in Ein Fall aus der Praxis, der sieht, dass die Fabrikantentochter in ihrem Leben eingesperrt ist wie die Arbeiter auf dem Gelände, und ihr lediglich "ehrenhafte Schlaflosigkeit" attestieren kann. Von Anfang an gilt der herzzerreißende Satz, den der 30-jährige Autor dem Greis aus seiner Langweiligen Geschichte in den Mund gelegt hat, die Antwort auf die inständig wiederholte Frage seines Mündels: "Was soll ich tun?" - "Ehrlich, Katja: ich weiß es nicht."